Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Kassierer Herr van Bleuten und außerdem ein
geschäftsführender Ausschuß gewählt, zu wel-
chem außer den Mitgliedern des früher» pro-
visorischen Komites noch die Herren Kotthoff
und Schultz gehören. Da in allen beteilig-
ten Kreisen ein lebhaftes Interesse für die
neue Zeitschrift zu Tage getreten ist, und
Herr Domkapitular Schnitt gen die ein-
stimmig auf ihn gefallene Wahl als Redakteur
derselben angenommen hat, so steht zu hoffen,
daß die nunmehr in besten Händen ruhende
Zeitschrift in würdigster Weise die Interessen
der christlichen Kunst vertreten und diese
selbst fördern werde. Demnächst soll der Ver-
trag mit einem Verleger abgeschlossen und,
wenn irgend thnnlich, am 1. April k. I.
das erste Heft der „Zeitschrift für christliche
Kunst" ansgegeben werden. Möge dieselbe
bei knnstübenden wie kunstliebenden Laien
und namentlich beim Klerus Deutschlands
regster Unterstützung sich erfreuen!

Literatur.

Geschichte der deutschen Kunst von
R. Dohme, W. Bode, H. Jani-
tschek, F. Lippmann, I. v. Falke.
Mit Text-Illustrationen, Tafeln und Far-
bendrucken. Berlin, Grote'scher Verlag
1885—87. Band I: Geschichte der deut-
schen Bank u n st von Dr. Rob. Dohme.
444 S. Mt. 22.50; Band II: Geschichte
der deutschen Plastik von Dr. Wilh.
Bode. 257 S. Mk. 14.—.

Ein Werk über deutsche Kunst, welches sich
mit den schönsten französischen Leistungen dieser
Art messen kann, selbst ein Kunstwerk in seiner
ganzen Ausstattung, namentlich in der Fülle,
Neuheit und trefflichen Auswahl seiner herrlichen
Holzschnitte und chromo-lithographischen Abbil-
dungen , die ebenso dem Bedürfnisse des Fach-
mannes wie dem Interesse eines größeren Publi-
kums entsprechen. Die frühesten, noch unselb-
ständigen Schritte der Baukunst ans deutschem
Boden, „da Karl d. Gr. in Aachen die Bantheile
direkt ans Italien entnahm, da die Meister von
Fulda, Quedlinburg, Essen, Lorsch bald mehr,
bald weniger geschickt das jonische Kapital nach-
ahmten"; das allmählige Werden der romanischen
kreuzförmigen, slachgedeckten Basilika im 11. Jahr-
hundert; dann die im Lauf des 12. Jahrhunderts
siegende vollständige llcberwölbnng aller Theile
der Kirche und hiemit zusammenhängend der
feste Zusammenschluß des ganzen Gebäudes zu
einem einfachen, klar disponirten, ans der Decken-
konstruktion bedingten Ganzen; die große, unab-
hängige Entwicklung des deutschen romanischen
Stils, die in der ersten Hohenstausenzeit ihre
Höhe erreicht; das gegen Ende des 12. Jahr-
hunderts beginnende Eindringen fremder Formen,
namentlich des Spitzbogens, Formen, die sich zu-
erst als zersetzendes Element innerhalb des festen
Gefüges des alten Formenapparats, nach und

nach aber als fruchtbare Samenkörner eines
neuen Stils erwiesen; das selbständige Ausreisen
dieses Stils auf deutschem Boden; die Frucht-
barkeit der deutschen Gothik an großartigen Wer-
ken; aber auch die darauf folgende Periode der
Ueberreife und des allmähligen Erstarrens; auf
den Trümmern des Alten das Erblühen der
deutschen Renaissance, „wie sie von der jugend-
lichen Ueberfülle der Frühzeit mit ihrer Freude
am vegetabilen Ornament zur Hochrenaissance
iibergeht, die ztvar wohlbekannt mit den antiken
Ordnungen, doch ihr eigenes willkürliches Deko-
rationsspiel naiv mit diesen mischt und endlich
theils in's Barocke, theils in's Nüchterne ab-
schiveift"; endlich die Wiederaufnahme des durch
den 30jährigen Krieg entzwei gerissenen Fadens
im Rokokostil, der, obwohl eine Entartung der
Renaissance, doch eine Fülle großartiger Kloster-
bauten, Kathedralen, Pfarr- und Stiftskirchen in's
Leben setzte von der Mitte des 17. bis in die
dreißiger Jahre des 18. Jahrhunderts: — diese
ganze vielgestaltige Entwicklung mit allen ihren
Entwicklungsmomenten läßt der Verfasser an uns
vorüberziehen, oder besser, vor unseren Blicken
wieder aufleben mit einer solchen Gründlichkeit
und doch Lebendigkeit und Gemeinverständlichkeit,
daß uns über das Wesen und Werden der ver-
schiedenen Kunstdenkmale ganz neue Lichter auf-
gehen. Während man sonst in Kunstgeschichten
oft vor Bäumen den Wald nicht sieht, finden sich
hier die zahllosen Einzelheiten so glücklich grup-
pirt und in ihrem ursächlichen und geschichtlichen
Zusammenhang erfaßt, daß das Allgemeine aus
dem Einzelnen sich wie von selbst ergibt und
das Einzelne im Allgemeinen sich deutlich spiegelt.
Alle bekannten deutschen Baudenkmale von charak-
teristischer Bedeutung, aber auch manche bisher
fast unbekannte, darunter solche, welche nur auf
dem Papier sich gerettet, wie z. B. das fürstliche
Lusthaus in Stuttgart, oder erst aus dem Grund-
plan rekonstruirt werden mußten, wie die Kloster-
kirche von Hirsau, sind als Punkte im großen
Werde-Prozeß der deutschen Kunst erfaßt und
so gründlich nach ihrem Zusammenhang, ihren
wechselseitigen Einflüssen und ihrer Abhängigkeit
von den jeweiligen Kulturzuständen geschildert,
daß die Aufgabe des Verfassers, „die Entwick-
lungsgeschichte der deutschen Baukunst zu bieten",
gelöst erscheint wie nie zuvor.

Dem ersten Bande steht der zweite, über die
deutsche Plastik, nach Text und Abbildungen eben-
bürtig zur Seite. Mit wahrem Bienenfleiße
sammelt der Verfasser aus Kirchen, Museen und
Privatsammlungen des In- und Auslandes die
zerstreuten deutschen Bildwerke, ohne sich nur ein
einziges von charakteristischer Eigenthümlichkeit
entgehen zu lassen, und formt aus allen zusam-
men ein großes, wahrhaft nationales Denkmal
der Kunst und des Kunstgeschmackes unserer Alt-
vordern sowie — ohne daß dies ausdrücklich be-
tont zu werden braucht — ihres Glaubens und
ihrer Opferwilligkeit, denen ja die große Mehr-
zahl der besprochenen Kunstwerke das Dasein
verdankt. Ad vocem „Glauben" freut es uns,
bemerken zu können, daß auf den religiösen In-
halt der verschiedenen Darstellungen mit Ver-
ständnis; und selbst mit Pietät eingegangen wird,
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