Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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wie mau sie nicht in allen kunsthistorischen
Schriften findet. Als dogmatisch unrichtig fiel
uns nur die Bezeichnung „Schlangenanbetung"
(S. 47) für ein Relief an der Kanzel zu Wechsel-
burg auf, tvelches den Moses darstellt, wie er
auf die am Pfahl erhöhte eherne Schlange weist,
während eine Person, von dem giftigen Bisse
krank, auf dem Boden ausgestreckt (nicht an-
beteud!) liegt, zwei andere schon geheilt sich er-
hoben haben. Auch der stehend angewandte Aus-
druck „Beweinung Christi" anstatt Klage um
Christi Leichnam dürfte sich nicht empfehlen. —
Nachdem wir mit dem Verfasser in den ältesten
Elfenbeinarbeiteu des 9. und 10. Jahrhunderts
die Vorläufer der deutschen Bildnerei begrüßt,
sodann in den verschiedenen Erz-Kunstwerken aus
dem 11. und 12. Jahrhundert die Anfänge und
das Fortschreiteu einer freien monumentalen
Plastik betrachtet — „wie diese ältesten plastischen
Werke fast ausnahmslos in Erz ausgeführt sind,
so fällt auch dem Erzguß mehr als ein Jahr-
hundert hindurch die führende Rolle in diesem
Kunstzweig zu" —, sehen wir im 18. Jahrhun-
dert die deutsche Plastik im Anschluß an die letzte
glänzende Blüthe der romanischen Baukunst zu
einer reichen und günstigen Entfaltung in und
mit der Architektur gelangen. Interessant ist im
ferneren Verlauf der Nachweis, daß die aus
Frankreich als ein schon ziemlich reifer Stil ein-
gedruugene Gothik der Entfaltung deutscher Bild-
nerei (wenigstens anfänglich) nicht günstig war,
wie denn die unter ihrem Einfluß entstandenen
Bildwerke, z. B. die Portalskulpturen zu Straß-
burg oder an der Lorenz- und selbst an der
Frauenkirche zu Nürnberg den Bamberger oder
Naumburger Bildwerken des 13. Jahrhunderts
weit nachstehen. Was aber diese spätere Epoche
weniger hat als die vorangegangene „nicht nur
au Größe und Adel der Auffassung und Schön-
heit der Formen, sondern ebenso sehr in der
Richtigkeit der Verhältnisse, Wahrheit der Haltung
und Verständnis; für die Details, namentlich für
den Faltenwurf", das hat sie mehr an eigen-
thümlicher (wiewohl oft übertriebener) Betonung
des Gefühls, des inneren Lebens. Dadurch eben
war sie die Vorstufe zur zweiten Blüthe der
deutschen Plastik im 15. Jahrhundert, die bei
aller Verschiedenheit in den Einzelerscheinungen
doch einen einheitlichen Grundzug darbietet, näm-
lich: daß das Körperliche ihr mehr Nebensache,
dagegen die Schilderung der Stimmung, der
Ausdruck des inneren Lebens die Hauptsache ist.
„Selbst in den geringeren Arbeiten dieser Zeit
überrascht fast regelmäßig eine zum Herzen gehende
Innerlichkeit der Empfindung." Die beiden gro-
ßen Gruppen, welche sich in diese zweite Blüthe
der deutschen Plastik theilen, bestimmt der Ver-
fasser als „die weitaus bedeutendere süddeut-
sche mit Frauken an der Spitze, sodann die
norddeutsche mit ihrem Schwerpunkt am Nie-
derrhein". Während in Süddeutschland, sagt er,
die plastische Kunst der Malerei vorangeht und
ihr bis zum Anfänge des 16. Jahrhunderts enb
schieden überlegen ist, daher auch einen großen
Einfluß auf die Malerei ausübt, wirkt umgekehrt
am Niederrheiu (und insbesondere in den Nie-

derlanden) die frühe, großartige Entfaltung der
Malerei auf die plastische Kunst Anfangs sehr
beschränkend und beeinflußt später die Entwick-
lung derselben ganz nach der malerischen Richtung.
Die charakteristische Eigenart der einzelnen Schu-
len und die individuelle Verschiedenheit ihrer
Vertreter, wie sie der Verfasser in so geistvoller
Weise darstellt, können wir hier nicht des Näheren
besprechen; mau muß das in dem Buche selbst
lesen. Wir bemerken nur, daß ungeachtet (oder
vielleicht eben weil) er eine Entwicklungsgeschichte
der gesummten deutschen Plastik schreiben will,
er auf die einzelnen Meister, ja fast ans alle ein-
zelnen Werke derselben — und nicht bloß auf die
bekannten, sondern auch aus die unbekannten
Meister (deren Individualität wie die des unbe-
kannten Verfertigers des Creglinger Altars aus
ihren erst näher zu bestimmenden Werken er-
schlossen werden muß) mit solcher Gründlichkeit
und Schärfe eiugeht, als hätte er über alle Ein-
zelheiten Spezialstudieu gemacht.

Wir hoffen, daß obige Besprechung, so ober-
flächlich sie ist, die Reichhaltigkeit des Werkes
wenigstens ahnen lasse und zur Anschaffung des-
selben reize. Wir hatten, noch ehe das Rezen-
sions-Freiexemplar uns winkte, das Buch schon
angeschafft und fanden durch den Besitz desselben
eine Lücke in unserem kunsthistorischen Dasein
glücklich ausgefüllt. Hätten wir es früher gehabt,
gar manche Kunstphotographie hätten wir nicht
um theures Geld anzuschaffen gebraucht.

Eugen Keppler.

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in Ireiburcg (Wreisgcru).

Soeben ist erschienen und durch alle Buch-
handlungen zu beziehen:

D. %

Die Darstellungen
der allerseligsten

Jungfrau und vrrar:a QUf Sßn
Gottesgebärerin 4llcinu aul ueTl

Aunstdenkmälern der Aatakom-

n... Dogmen- und kunstgeschichtlich bear-
1 ^ ' beitet. Mit Approbation des hochw.
Ordinariats Regensburg. Mit Titelbild, 6
Farbentafeln und 67 Abbildungen im Text,
gr. 8°. (XX u. 410 S.) M. 8; in Origi-
nal-Einband, Leinwand mit Lederrücken und
Rotschnitt Bi. 10.50.

Die zahlreichen Abbildungen dieses Werkes
sind großenteils nach Original-Aufnahmen des
Verfassers oder Photographien hergestellt.

Hut einer Kunstbeilage: Die neue Kirche in
Bernsfelden, GA. Mergentheim.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Gcs. „Deutsches Valksblatt".
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