Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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verloren hatten, sie bildete die Kapitale in
neuen Formen, welche freilich an edler
Linienführung so viel verloren, als sie an
Mannigfaltigkeit gewonnen. Eine byzan-
tinische Eigenthümlichkeit ist auch die häu-
fige Verwendung des Kreuzes zum Schmuck
der Kapitäle (wie in Fig. 160) und noch
mehr der genannte Aufsatz auf dem Säulen-
kopf, welcher eine dunkle Erinnerung an
das auf Halbfäuleu aufgesetzte Architrav-
stück ist und den Zweck hat, eine breitere
Grundlage für die Bogenfüße zu schaffen,

als Zwischen- und Zierstützen ans
treten.

2. Gehen wir nun zum romanischen
Stil über, so müssen wir bezüglich der
Stützen die flachgedeckte und die gewölbte
Basilika getrennt betrachten. Säulen aus
einem Stück standen den uordischen Bau-
meistern selten zu Gebote, sie konnten die-
selben in der Regel nur aus mehreren
Stücken oder gar nur aus übereinander-
geschichteten Lagen aufbauen (wie auch bei
der Säule in Fig. 161 der Fall ist). Im

als das Kapital selbst sie bietet (s. Fig.
159 und 160). Richtiger als diese An-
ordnung wäre es gewesen, das Kapitäl
selbst genügend zu erbreitern, und in der

That finden wir
zuweilen auch
dieses; so in St.
Vittore in Ra-
venna (F. 161).

In der byzan-
tinischen Kunst
kommt neben der
Säule auch der
Mauerpfeiler
sehr zurGeltung.
Zwischen Mau-
ern, die nur
schlanke Säulen unter sich hatten, ließen
sich keine schweren Gewölbe ein spannen,
und darum mußte man bei den gewölb-
ten Bauten als Hauptstützen Pfeiler
anwenden, während die Säulen mehr

letztern Falle verlor aber die Säule ihren
eigenthümlichen Wert, sie wurde massiger,
sie wurde zum Rundpfeiler. In einigen
Monumenten finden wir noch in ähnlicher
Weife wie in den alten Basiliken Säulen
angewandt, in der Mehrzahl derselben trat
aber der eigentliche Mauerpfeiler von vier-
eckiger Form an ihre Stelle, und in ganz
einfachen Werken ist sogar Pfeiler und
Mauer sozusagen nur wie eine große
Platte, aus der die Bogenöffnungen heraus-
geschnitten sind (vgl. die Fig. 162). Der
Manerpfeiler bietet festern Stand, die
Säule ist schöner, darum verband man
wohl beide in einem Bau, indem man
Pfeiler und Säulen miteinander oder auch
wohl je zwei Säulen mit einem Pfeiler
abwechseln ließ.

Anders gestaltete sich die Sache in der
gewölbten romanischen Kirche. Wie
schon ein Blick ans den Grundriß Fig. 163
lehrt, ist die Pfeilerreihe, welche das Ganze

Fig. 161. Kapitäl aus St. Victor
in Ravcnna.
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