Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Eine reichere Auswahl als bisher müßte
geboten und noch mehr für Muster ge-
sorgt werden, denen die Stickerei zur Er-
zielung größerer Mannigfaltigkeit zu Hilfe
kommen kann.

III.

A u s s ch m ü ck u n g. Die W e b e k u n st
dürfte mehr als bisher zur Ausschmückung
der Gewänder durch Stäbe und Borten
heranzuziehen fein nach Art der soge-
nannten Kölnischen Borten, bei denen die
Vollendung der Figuren der Nadel über-
lassen blieb.

Damit die Sti ckkunst, welche neuen
Aufschwung genommen hatte, als Hilfs-
mittel für die Ausstattung der Gewänder
den richtigen Weg behaupte, muß sie sich
wieder an die alten Vorbilder enge an-
fchließen und demgemäß sich einer größeren
Strenge in Zeichnung und Farbe der
Ornamente wie der Figuren befleißigen.

Für weniger geübte Kräfte und geringere
Mittel empfiehlt sich die Applikations-
arbeit, doch ist bei ihr ans stilgerechte
Zeichnung besondere Sorgfalt zu ver-
wenden.

Wo höhere künstlerische Befähigung
vorhanden ist und größere Ansprüche er-
hoben werden, ist die eigentliche Nadel-
malerei vorzuziehen.

Handelt es sich um Wiederherstellung
einer alten Stickerei, so darf über das
Ziel der für den kirchlichen Gebrauch
nothwendigen Erhaltung nicht hinaus-
gegangen werden.

Die Stickerei darf den freien Falten-
wurf nicht hindern, damit sämmtlichen
Paramenten der Gewandcharakter gewahrt
bleibe.

Im Aufträge der oben genannten Herren
werden die Resolutionen hiermit zur allge-
meinen Kenntniß gebracht.

Creselb, 3. Dezember 1887.

Er. Schmitz, Oberpfarrer.

Schulze, Konservator.

Literatur.

Das katholische Kirchenbauwesen in
der Pfalz und die k ö n i g l. bayeri-
schen Staatsbaubehörden. Erleb-
nisse aus den letzten Jahren, mit besonderer
Rücksicht ans 14 verworfene Kirchenpläne des
Architekten Joseph Lukas zu Mainz. Von
Michael B u r g e y, Pfarrer zu Godram-
stein. Mit 8 Text-Illustrationen. Mainz,
Fr. Kirchheim. 1887. 113 S. 1 M. 50 Pf.
Mit obiger Schrift dringt ein lauge zurückge-
haltener Nothschrei über bnrenukratische Bevor-

mundung des bayerischen Kirchenbauwesens in
die Oeffeutlichkeit, der sicherlich weit über die
Grenzen der Pfalz hinaus berechtigtes Aufsehen
erregen, aber auch bei allen Freunden kirchlicher
Kunst einen oegeisterteu Widerhall finden wird.
Die darin erörterten Fragen find von solcher
prinzipiellen Tragweite, daß mit deren Lösung
die Entwicklung der kirchlichen Kunst — wenig-
stens für Bayern und speziell für die Pfalz —
steht und fallt. Mit überzeugender Klarheit —
jede Behauptung gestützt auf akteumäßige That-
sacheu oder wissenschaftliche Autoritäten — schil-
dert der Verfasser, >vie eine engherzige Burcan-
kratie auf dem Gebiete der kirchlichen Kunst „mit
der Geschicklichkeit und dem Eifer einer unermüd-
lichen Spinne alle Fibern des kirchlichen Lebens
in die staatlichen Maschen und Netze zu ziehen"
verstanden hat, und enthüllt damit den innersten
Grund der von allen Einsichtsvolleren längst be-
klagten Thatsache, daß die Pfalz bisher im gan-
zen gegen die großartigen Fortschritte der kirch-
lichen Kunst in den letzten Dezennien tvie durch
eine chinesische Mauer abgeschlossen blieb. Der
Verfasser bietet aber hier nicht etlva trockene aka-
demisch-theoretische Naisonnements, sondern Zweck
und Inhalt der Schrift sind frisch und frei mitten
aus dem praktischen Leben und für dasselbe ent-
nommen. „Was mir die Feder in die Hand
gedrückt hat," erklärt er selbst, „das tvar zunächst
die Sorge für die mir unterstellte Kircheugemeinde
zu Birktveiler. Deren Fabrikrat hat einen wohl-
durchdachten Plan für den Kircheubau vorgelegt,
der in allen Instanzen zurückgetviescu wurde aus
Gründen, die vor der Oeffeutlichkeit nicht zu be-
stehen vermögen. Damit wird dieser Kultusge-
nieinde ein Unrecht zugefügt, das sie stillschwei-
gend sich nicht kann gefallen lassen, denn wir
leben in einem Rechtsstaate."

Diesem Anstoß verdanken wir die für Laien
tvie Kunstkenner äußerst anziehende, lichtvolle, oft
mit attischem Salze gewürzte Schilderung von
Zuständen, die den anschaulichsten Kommentar
liefern könnten zu den trefflichen Artikeln in
1 und 2 des „Archiv" von 1886 „Was noch zu
thun ist", und dies mag eine Empfehlung der
Schrift in diesen Blättern rechtfertigen. Zunächst
schildert der Verfasser die Ursachen der zur Zeit
in der Pfalz außerordentlich häufigen Kirchenban-
projekte und die Schwierigkeiten bei Beschaffung
der Baumittel, dann die zärtlich erdrückende
bureankratische Fürsorge, in Folge deren wir nicht
einmal ohne höhere Erlaubnis; zu Gunsten eige-
ner und fremder Kirchenbauten den eigenen Geld-
beutel öffnen dürfen und kein Kircheubau und
keine Restauration ansgeführt werden darf, ohne
von der Kreisbanbehörde, von der Kommission
zur Prüfung von Bauplänen und von der kgl. ober-
sten Baubehörde den Segen empfangen zu haben.
„Wenn die staatlichen Behörden so weitgehende
Befugnisse für sich in Anspruch nehmen, so müs-
sen sie natürlich auch die Garantie bieten, daß sie
der Ausübung dieser Befugnisse gewachsen seien."
Nun wird nachgewiesen, daß die jetzige Gene-
ration dieser Banbeamten nach ihrem Bildungs-
gänge und ihrer bisherigen Thätigkeit wohl reiche
Erfahrung im Weg- und Wasserbau und bau-
licher Verwaltung der Staatsgebände besitzen
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