Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 20
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mag, aber unmöglich über die nöthigen Spezial-
kenntnisse im Kirchcubaufach und noch weniger
in der inneren Ausstattung der Kirchen verfügen
kann, um auf der Höhe der Zeit zu stehen. Kein
Wunder, wenn da zunächst bezüglich der inneren
Ausschmückung der Kirchen gar sonderbare Kunst-
blüteu zum Vorschein kommen. So wurde jüngst
mit hoher Genehmigung die Renaissancekirche in
Dahn mit einem romanisch sein sollenden hohen
Altarkvlosse beglückt, „dessen Leuchterbank keine
Kerzen aufnehmen kann, ohne den stark vor-
springenden Oberbau mit seinen theuren Figuren
in Brand zu setzen". „Kommt man in ver-
schiedene seit 1879 ausgemalte Kirchen, so geht es
da zwar nicht ins Aschgraue, cs wird einem aber
doch grün und gelb vor den Augen." Im Aus-
lände wird man mit nicht geringem Ergötzen
hören, daß ein pfälzischer Staatsbaupraktikant
in den letzten Jahren die Stadtpfarrkirche in Kirch-
heimbolanden sogar tapezieren lassen wollte,
zu welchem Behufe die Tapeten bereits ange-
laugt waren re.

Eine förmliche Passionsgeschichte aber bildet
das Schicksal unserer kirchlichen Neubauten in
den letzten Jahren. „Man war es schon längst
leidig geworden, ein theuer zahlendes Versuchs-
feld für unerfahrene und unserer Kirche sowohl,
wie deren Anschauungen und Bestimmungen
vollständig fremde Leute noch ferner zu bleiben.
Die Restauration der Kirche in Frankenthal hatte
auch gezeigt, daß es der Kunst wie dem Geld-
beutel weit zuträglicher ist, sich einem Spezia-
listen im kirchlichen Banfache anznvertranen, als
blindlings den Malern und Bildhauern, oder-
gar den nur kaufmännisch gebildeten Muster-
reitern der kirchlichen Kunstfabriken in die Hände
zu fallen." Als daher bekannt wurde, daß der,
obige Restauration leitende bischöfliche Baumeister-
Lukas in dem nahen Mainz ein kirchliches Bau-
bureau iuue habe, ging ihm sofort eine erhebliche
Anzahl von Aufträgen aus der Pfalz zu. Ob-
wohl alle früheren Erfahrungen fürchten ließen,
daß überhaupt kein nichtpfälzischer Architekt die
Genehmigung von Plänen erringen werde, er-
wachte doch allgemein die Hoffnung, daß jetzt
endlich eine bessere Aera eintreten werde, nach-
dem unsre schöne Pfalz lange genug mit Dutzen-
den von Schablonenkirchen im „Spritzenhausstile",
wie Reichensperger sagen würde, „steinernen
Kisten mit hölzernem Deckel", wie man in Würt-
temberg sagt, verunstaltet worden tvar. Doch
die Hoffnungen sollten bitter enttäuscht werden.
Sämtliche — 14 — Pläne wurden unbarmher-
zig verworfen. Die angeführten Gründe können
wir hier nur kurz andeuteu. Zunächst verdient
öffentlich tiefer gehängt zu werden, daß man
einen Pfarrer durch starke Pressioueu veranlassen
wollte, statt vom bischöflichen Baumeister vom
Israeliten Levi in Kaiserslautern sich seine
katholische Kirche bauen zu lassen. „Derselbe soll
sehr talentvoll sein, aber die Erscheinung eines
Israeliten auf dem Gebiete der kirchlichen Bau-
kunst ist für unser christliches Volk noch zu neu
und ungewohnt."

Eine große Rolle spielen in den meisten Ver-
werfungsurteilen der obersten Baubehörde die

projektierten in den Dachstuhl hineinragenden
Holzdecken, die prinzipiell verboten wurden in
einem Gutachten, „dessen Quintessenz man wohl-
gemut in den Satz zusammenfassen darf: „Für
das flache Land flache Kirchen", aber wir ge-
ben uns der Hoffnung hin, daß unser Veto ge-
gen das Bestreben, aus der edlen „Flachheit"
ein bayerisches Reservat zu machen, nicht uugehört
verhallen werde."

Interessant für weitere Kreise ist sicher die
Entdeckung der Münchener Herren, daß „selbst
dem Feuer ein natürlicher Respekt vor der höl-
zernen Flachheit iunewohnen soll", da nach den:
Gutachten „bei einem in der Nähe der Kirche
ausbrechendeu Brande, welcher sich dem Kirchen-
dache mittheilte, der ganze Bau unrettbar ver-
loren wäre" (nämlich bei ansteigenden Decken).
Zu der Vorschrift der Oberbaubehörde, daß so-
wohl „bei Gewölben wie bei Holzdecken der Dach-
stuhl immer ein durchlaufendes Gebälks zu er-
halten habe" meinte ein schlichter Zimmermaun,
„nach dieser Regel müßten von der Baupolizei
alle Scheunen der ganzen Welt verboten werden."

Eingehend beantwortet daun der Verfasser die
Frage: Was sagt zu diesen ansteigenden Decken
die Wissenschaft, die Geschichte und die Praxis.
Wissenschaftlich wird das Verbot entkräftet aus
dem Werke eines Mitgliedes der Verwerfungs-
kommission selbst, und einer Menge von anderen
Fachwerken. Geschichtlich weist er nach, daß diese
Decken seit 700 Jahren in immer steigender Ver-
vollkommnung angewandt wurden und in praxi
in neuerer Zeit wieder immer allgemeinere Ver-
breitung finden wegen ihrer großen Vorzüge in
Bezug auf ästhetische Wirkung und Geldersparniß.

Mit gleicher Klarheit und Kraft werden die
übrigen Bedenken gegen Tnrmkonstruktionen rc.,
die als Verwerfnngsgründe fungierten, entkräftet.
Doch das alles muß man selbst lesen, um zu
beurtheilen, mit welchem Rechte der Verfasser
schließlich den Ruf erhebt nach Befreiung der
Kunst aus den Banden der Bnreaukratie und
einen Appell richtet au den Landtag „zur Ent-
mündigung unserer Kirchenverwaltuugen, deren
berechtigtsten Wünsche bei ihren Kirchenbauten
nicht selten zu schnöder Abweisung gelangen".

Anmerkung der Redaktion. Nachdenr
wir von der oben angeführten Schrift selbst Ein-
sicht genommen, trugen wir kein Bedenken, dieser
uns eingesaudten Besprechung derselben Raum
zu geben; die Klagen über bureaukratische Bevor-
mundung sind in der Schrift aktenmäßig begrün-
det, und so viel scheint unzweifelhaft, daß dem
Bischof in diesen Angelegenheiten so viel wie
keine Befugnis; cingeräumt ist. Wir können da-
her nur dem Wunsche des Verfassers und Rezen-
senten beistimmen, es möge hier in Bälde Wan-
del geschaffen werden. An dem audiatur et
altera pars soll es unsererseits nicht fehlen.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksbtatl".
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