Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Dahin rechne ich z. B. eine auf dem von
Lilien umstandenen Thron sitzende Ma-
donna , die dem eine fast genrehafte
Freude äußernden Jesuskinde die Brust
reicht (auf einer Chormantelkapuze aus
dem Nonnenstift Göß in Steiermark, 13.
Jahrh.), oder eine an gleicher Stelle an-
gebrachte hl. Jungfrau mit dem Jesus-
knaben, die einem vor ihr knieenden Abt
die nackte Brust zeigt (Pfarrkirche zu Uer-
dingen). Nachahmenswerth und nach-
ahmungsfähig erscheint die im Mittelalter
besonders beliebte Darstellung des Ge-
kreuzigten in Plattstich auf dem mit einigen
streng gezeichneten Pflanzenornamenten
geschmückten Caselkreuze, wovon muster-
giltige Vorbilder in großer Zahl ausge-
stellt waren. Nachahmenswerth ist weiter
die in ihrer Wirkung heute, nach Verlauf
von mehr als fünf Jahrhunderten, noch
großartige Verbindung von Weberei, Sticke-
rei und Goldschmiedekunst an den Borten
eines ganz mit reicher Stickerei bedeckten
Chormantels aus dem Aachener Dom. In
diese gewebten Aurifrifien find am Halse
und vorderen Rand durch Vögel und
Rankeuwerk verbundene Vierpäffe mit Gold-
fäden eingestickt, und aus diesen ist dann
ein ebenfalls gesticktes Wappenschild ab-
wechselnd mit sechsblättrigen Doppelrosen
angebracht. Letztere sind aus vergoldetem
Silberblech gefertigt, das am Rande ge-
körnt und an der eingebogenen Mitte jedes
Blattrandes mit je einer Perle verziert
ist, während sich in der Mitte jeder Rose
ein schön gefaßter, von vier Perlen um-
gebener Smaragd findet. Der unten um
den Chormantel herumlaufende Rand ist
fast noch kunstvoller gearbeitet. Die Fläche
desselben ist mit sischgratförmiger Gold-
stickerei grundirt, über welcher in regel-
mäßigen Abständen gestickte Vasen mit
Blumen und Sternen abwechseln, zwischen
denen die großen Figuren der Patriarchen
und Propheten eingestickt sind. In der
halben Höhe der Borte läuft über die
Stickerei rings herum eine ziemlich dicke
rothe und gelbe Seidenkordel, an welcher
(statt der Quasten?) in kleinen Abständen
ungefähr hundert etwa 5 cm hohe, auf
vierpassiger Grundform nach oben spitz
zulaufende Silberglöckchen ohne Klöppel
hängen. Derartige Glöckchen müssen im
Mittelalter als Zierat beliebt gewesen

fein, denn ähnliche, nur kleiner und mit
dreipassiger Grundform, finden wir an dem
herrlichen Rationale aus dem Regensburger
Dom. Dieses letztere, das ebenfalls aus-
gestellt war, könnte eine eigene Abhandlung
und sorgfältige Publikation beanspruchen.
Es genüge hier der Hinweis, daß der Ge-
brauch dieses bischöflichen Schulterkleides
ein Ehrenvorrecht der Bischöfe von Lüt-
tich, Salzburg, Bamberg, Regensburg,
Eichstätt und Paderborn war, dessen sich
die beiden letzteren heute noch bei seier-
lichen Pontifikalämtern bedienen, nachdem
dies dem Eichstätter Bischof durch Bene-
dikt XIV. 1745 und erstmalig dem Pader-
borner Bischof Bernhard 1.1133 durch Papst
Jnuooenz II. und dann wieder durch Papst
Alexander VII. dem Bischof Ferdinand von
Fürstenberg gestattet worden. Das vorzüglich
erhaltene Regensburger Rationale ist ganz
mit figürlicher Stickerei aus dem Anfang
des 13. Jahrhunderts bedeckt, welche außer
dem Lamm Gottes, den Evangelistensym-
bolen und Apostelfiguren auf der einen
Seite auf der andern eine Reihe alttesta-
mentlicher Propheten zeigt und so außer
durch seine dem hoheupriesterlichen Super-
humerale (Ephod) ähnliche Form auf
den alten Bund und fein Priesterthum
hinweist.

Nachahmenswerth find endlich, um nach
dieser Abschweifung wieder zu unserem
Thema zurückzukehren, die in reichster
Mannigfaltigkeit zur Ausstellung gesandten
Kaseln mit sog. Kölner Stäben. Es
scheint, daß vorzugsweise oder fast aus-
schließlich in Köln vom Anfang des 15.
bis weit in das 16. Jahrhundert hinein
die Kunst blühte, Casel- und Dalmatik-
Stäbe bezw. Kreuze in einer ganz eigen-
artig sinnreichen und geschmackvollen Ver-
bindung von Weberei und Stickerei in den
figürlichen Darstellungen zu schaffen, und
wir sehen dort um jene Zeit die Verferti-
ger solcher Stabe zu einer besonderen
Innung der Bildsticker und Wappenwirker
vereinigt. Auf golddurchwirktem Grunde
wechselt charakteristisch behandeltes Blatt-
werk mit Wappen und bildlichen Darstel-
lungen ab, bei welchen die Umrisse und
Gewänder in verschiedenen Farben einge-
webt, die Gesichter, Hände, Füße und ein-
zelne Umschläge an den Gewändern aber
mit der Nadel sorgfältig in Plattstich ein-
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