Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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wurde feierlich auf dem Kirchhof neben
der Kirche bestattet ungefähr im Jahr 839.
Einige Zeit darauf stürzte aber die Wand
der Holzkirche gegen das Grab hin ein,
als wollte sie der Heiligeil nicht bloß
durch eine Thüre, sondern durch weiteste
Oeffnung Einlaß in die Kirche gewähren;
ausgebessert stürzt sie abermals ein. Zur
gleichen Zeit empfängt Bischof Hnnibert
oder Hnmbert von Würzburg (832"—841)
durch nächtliche Engelerscheinungen Wei-
sung, nach Lauffen, das feinem Sprengel
angehörte, zu eilen und dort eine neue
Kirche zu bauen, in welche der Leichnam
der Heiligen transferiert würde; da er
zögert, so wird endlich die Ermahnung durch
nachdrückliche Züchtigung bekräftigt, deren
Spuren noch andern Tags sichtbar sind.
Nun macht er sich ans, läßt die Kirche
Bauen und überbringt unter großer Be-
theiligung voll Klerus und Volk die hei-
ligen Reliquien in dieselbe, wobei sich die
Atmosphäre mit Wohlgerüchen erfüllt. Von
llun an ist die Kirche eine Stätte der
Wunder und Ziel der Wallfahrt für das
ganze Lalld. Bayern wollen später, im
12. Jahrhundert, ihr Anrecht aus den
heiligen Leib geltend machen, weil die Hei-
lige einer Familie ihres Landes angehöre;
sie kommen nach Lauffen unb beraten, wie
sie die Reliquien permittente gratia di-
vina furtim wegnehmen könnten; aber da
sie in der Nacht ihr Vorhaben aussühren
wollen, werden sie durch Erdbeben, Donner
und Blitz vertrieben.

So erzählt die Legende die erste und
einzige eigentliche Quelle, ein Passionale
in dem Angustinercanonissenkloster Bödeken
(in Westfalen, Kreis Büren, Diöcese Pader-
born; gegründet 837); den Bericht der
Pergamenthandschrist ließ der Jesuitenpater
Gamansius abschreiben, und er kam im
Bollandistenwerk, in der Acta. Sanctorum
Julii tom. IV p. 90—96 zum Abdruck.
Der Bericht ist in sehr schwülstigem Stil
abgesaßt voll einem ungenailnten Verfasser,
der sich aber wohl in Lauffen selbst aus-
hielt; denn er sagt in der Einleitung:
wir schicken uns all, das voll priesterlichen
Personen Gehörte niederzuschreiben, virgi-
neae pannati coessentia glebae, d. h.

mit noch rochen Wangen in einem Fischrachen
gefunden).

vertrauend aus, oder gekrästigt durch die
Gegenwart deö jungfräulichen Leichnams.
Der Bericht gehört dem 11. oder 12. Jahr-
hundert an; daß Würzburg bereits Herbi-
polis, nicht mehr Wirceburgum genannt
wird, weist auf diese Zeit. *) Was für
die Wahrheit der Erzählung in ihren
Grundzügen große Garantie bietet, ist der
Umstand, daß die historischen Daten, an
welche sie anknüpft, richtig sind, sodann
daß der Verfasser mit der Lage und den
Verhältnissen Lauffens sich wohl bekannt
erweist. Nachweisbar ist, daß Reginö-
willdis theils als Jungfrau theils als
Märtyrin kirchlicher Verehrung theilhastig
wurde. Alte Martyrologien führen sie

aus; im Würzburger Brevier hat sie schon
frühzeitig, wie eine Pergamenthandschrift
beweist, eine Kollekte (omnipotens sernpi-
terne deus, cujus infirmum fortius est
hominibus , concede propitius, ut qui
beatae Regiswindis, innocentis et mar-
tyris annua solemnia celebramus, ejus
patrocinantibus meritis ad continua
gaudia pertingere mereamur); das Würz-
burger Missale von 1509 hat dieselbe
Ovation; im Proprium der Diözese Würz-
burg war die Heilige als Simplex bis in
den Anfang des 18. Jahrhunderts. In
Lauffen erhielt sich auch llach der Prote-
stantisirnng ihr Gedächtniß insofern, als
nach dem Zengniß von Crusius auch später
noch die Landlente der Stadt und Gegend
ans deil Reginswindentag, den 15. Juli,

! Kilechte und Mägde zu dingen pflegten.

! (Annal. suevic. p. II 1. II c. z). Z Was
bie Frage anlangt, ob Reginswind ihrer
Todesart und Todesursache nach als eigent-
liche Märtyrin bezeichnet werden könne,
so sagt darüber der Bollandist: boc nomen
in latiore significatione accipiendum
est; nam passim notum est, quod causa
non poena efficiat martyres. Cum vero
huic innocenti puellulae mors ex vin-
dictae cupidine a nutrice illata sit,
non video, quomodo haec ad stricti
nominis martyrium possit evehi. Voll

b Vgl. Stalin, Württemb. Gesch. I, 239.
Klunzinger, Gesch. der Stadt Lauffen (Stnttg.
1846) S. 20 f.

'ch Nach Sattlers iopogr. Gesch. des Herzog-
thums Württbg. S. 506 am 13. Juli, Margareten-
tag, weil im Traumgesicht des Bischofs Hnmbert
der Engel die hl. Reginswind margaritam Domini
genannt habe. Klunzinger I. c. 19.
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