Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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den Reliquien der Heiligen ist jetzt nichts
mehr vorhanden; möglich, daß dieselben
dem großen Brande der Kirche 1564 zum
Opfer fielen. Der Sarkophag in der
Reginswindenkapelle ist ein Kenotaph; der
an der Chorschlußwand der Kirche heute
noch stehende Steinschrank, in welchem der
heilige Leib geborgen gewesen sein soll, ist
ebenfalls leer; an ihm oder in ihm be-
fand sich wohl einst die von Kaplan
Michael Epp 1527 verfaßte Inschrift, die
Crusius notirt hat:

En incubat insigni celebris virguncula
tumba

Regiswindis in hac, martyr et eximia;
Quam fera primaevo nutrix in flore
juventae

Insontem oppressit, acta furore gravi.
Urna per aeternum summo dilecta
Tonanti

Ossa verenda tenet, spiritus astra colit.

Crusius schließt seinen Bericht mit der
Bemerkung, daß die ganze Geschichte der
Heiligen in der Kirche zu Laussen gemalt
sei. Ich zweifle nicht, daß diese Gemälde
die jetzt iit der Alterthumssammlung in
Stuttgart befindlichen, dem Stil nach wohl
aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts
stammenden Tafeln sind, welche in Bild
und Reim schlicht und bündig die Legende
der Heiligen erzählen und welchen wenige
Worte zu widmen sind.

Aus dem ersten Bild erhält der
Markgraf seine Belehnung mit der Herr-
schaft Laussen von dem aus dem Throne
sitzenden Kaiser, der von kleinem Hofstaat
umgeben ist. Der erklärende Vers lautet:
Im Jar achthundert dreissig zway
Regiert Herr Ernst Fürst auß Nordgay r)
Zu Laussen, das ihm geben hat
Die Kaiserliche Majestät.

Die zweite Tafel ist ein Doppel-
bild; auf der kleineren Hälfte sieht man
die Wöchnerin mit dem Kind zu Bette
liegend, von einer Wärterin gepflegt; aus
der andern die Taufe des Kindes, das
vom Priester über den Tanfkessel gehalten
wird; die Pathin legt ihm zwei Finger
auf den Kopf; der Markgraf steht mit
dem Rosenkranz dabei. Text:

E Der Nordgan begriff iit sich die Bisthümer
Bamberg, Eichstätt und die Oberpfalz (Klnn-
zinger, Gesch. der Stadt Lauffen S. 8).

Daselbst gibt ihm sein gmahl zur handt
ein einzig döchterlein genandt
Regiswindis, das würt zur stundt
einer seugemutter pslag vergnndt.

Drittes Bild: Pferde aus der
Waide; der Fürst mit Gefolgschaft; aus
seinen Befehl wird der Pferdeknecht mit
der Ruthe bearbeitet:

Diß stveibs bruder, des fürsten knecht
am Schloß der pferdt soll Hütten recht;
do gehn sie schaden, als er gwichen,
Drumb ward er öffentlich gestrichen.

Das vierte Bild r) zeigt eine in-
teressante Ansicht der Stadt Laussen; auf den
Fluthen des Neckar schwimmt das heilige
Kind; am linken und rechten User ein
Manu mit langem Schifferhaken be-
schäftigt, es anzulanden; die Amme, welche
Zeichen der Verzweiflung gibt, wird von
Knechten gebunden. Die Inschrift lautet:
Die rutten (Ruthen-),Züchtigung verdross
die seugamm, mordt das kind im schloss,
würsfts todt in Neckher, schwimpt empor,
würt gesunden und gelegt in Chor.

Zwischen dieser und der folgenden Tafel
müssen nun einige oder wenigstens eine
verloren gegangen sein, oder anderswo
sich befinden. Die nächtliche Vision des
Bischofs ist nämlich auf dem letzten
Bild nicht erzählt, sondern vorausgesetzt.
Der Bischof geht aus seinem rot ausge-
schlagenen Schlafgemach hervor, von einem
Diakon mit Stab gefolgt; Priester oder
Kanoniker tragen aus der anderen Bild-
hälfte den Sarg der Heiligen aus ihren
Schultern. Text:

Da ging er mit dem Tumb Capitel
alsbald zu rat und fand diß mittel,
grnbs kind auß, den sarkh renoviert
und nun hailgen canonisiert.

Wie man sieht, bewegt sich die Er-
zählung dieser Bilder in allem Wesent-
lichen ganz im Einklang mit der aus dem
Kloster Bödeken stammenden Legende.
Im letzten Vers ist auch ganz richtig aus-
gesprochen, daß die Beatifikation der hei-
ligen Reginswind nicht von Rom, sondern
vom Bischof von Würzbnrg ausging, wie
denn die Bischöfe bis 1200 und länger
ein solches Recht für ihre Diöcesen in

') Früher im Besitz des Grafen Uexkiill in
Ulm (s. Klunzinger a. a. O. 21 f.).
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