Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Archiv für christliche Kunst.

Grgan des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Runst.

perausgegeben und redigirt von Professor Dr. Keppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Runftvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler.

Or. 4.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die württemb. (M. i. 90
im Stuttg. Bestellbezirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
fl. 1. 27 in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags
direkt von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94,
zum Preise von M. 2. Ob halbjährlich.

1888.

Neue Studien über paramentik.

Bon Prof. Keppler.

(Fortsetzung.)

Diese Form des Meßgewands erhielt
sich ungefähr bis ins 18. Jahrhundert.
Sie ist aus alten Bildern und Grabsteinen
häufig zu sehen, und es haben sich auch
Exemplare dieser Gattung in ziemlicher
Anzahl erhalten. Dazu gehört besonders
die berühmte Easel in der Abteikirche ziv
Brauweiler bei Köln, deren sich der
heilige Bernhard bei seinem Aufenthalt am
Rhein 1143 bedieltt haben soll (Abbil-
dung bei Bock Bd. II Tafel 32); ferner
die Willigiscasel in der Stephanskirche in
Mainz aus dem IO. Jahrhundert (Ab-
bildung bei Hesele, Beitr. Taf. 2 Fig. 9;
Beschreibung im Kirchenschmuck 1857
Heft 5 S. 73); zwei Caseln in Regens-
burg, deren eine dem hl. Wolfgang
(f 994) gehört haben soll (Beschreibung
im Kirchenschmuck 1858 Heft 11 S. 65);
die Easel im Schatz des Domes zu Bam-
berg, früher irrthümlich zu den Kaiser-
mänteln Heinrichs des Heiligen gerechnet,
aus der Mitte des 12. Jahrhunderts (Ab-
bildung bei Bock, Kleinodien des heiligen
römischen Reichs, Tafel 62); die Easel
St. Godehards aus dem 11. Jahrhundert
im Münster zu Nieder a l t a ch in
Niederbayern (beschrieben im Kirchen-
schmuck 1858 Heft 1 S. 5 ff.); die Easel
des Bischofs Benno von Osnabrück, des
Erbauers des Speierer Doms in der Pfarr-
kirche zu Iburg; die Easel des heiligen
Heribert in der Pfarrkirche zu Deutz;
Glockencaseln im Domschatz zu Brixeu,
E i ch st ä t t, A u g s b tl r g und in St. Peter
zu Salzburg.

Eine Repristiuiruug dieser Form ist
nie empfohlen oder versucht worden rnid
würde offenbar nach obigem Dekret der
Intention der Rituskongregation durchaus

zuwider sein. Diese Form ist uns nicht
ttnr allzu fremdartig geworden, sie ist auch
in hohem Grad unpraktisch, weil sie den
Priester in seinen Bewegungen allzusehr
behindert. Die schon früher als uothweu-
dig erkannten und angebrachten Aufzugs-
vorrichtungen an den Seiten (siehe bei
Hefele, a. a. O. Tafel II, 9) leiden selbst
an mancher Unzuträglichkeit nnb können
den Armen des Priesters die Last der sich
auf ihnen aushäufenden Stofsmassen nicht
abnehmen noch erleichtern. Daß schon in
alter Zeit sich die Unbequemlichkeit der
Glockencasel fühlbar machte, beweist auck)
die ins Eeremoniule episcoporum (I. 2
c. 8 nro 19) aufgenommene Weisung an
die ministri, sie sollen dem pontisicirendeit
Bischof die Easel auf beideu Seiteu sorg-
fältig aufrolleu und auf den Armen zurecht-
richten , damit er nicht behindert werde;
theilweise wurden auch oben Arnilöcher an-
gebracht, wie an einer Easel des Klosters
Melk aus dem 13. Jahrh. (Mittheiluugeu
der Eentralkommissiou, Bd. 20, 134) und
an der Easel des Bischofs Gottfried in
Freising (1314) zu sehen ist. Kamen
schwere Stoffe zur Verwendung und wurden
die Aurifrise I mit reicher Seiden- und
Goldstickerei bedacht, so konnte das Gewand
für den Priester zu einer fast untragbaren
Last werden; so berichtet das Chronicon
Moguntinense des Bischofs Konrad von
einer Prachtcasel des 12. Jahrhunderts, in
welcher nur ein valde robustus habe ce-
lebriren können, und welche daher nach dem

i) Aurifrisiae, auch aureae listae, fimbriae,
vittae genannt, gestickte und gewobene Bandstreifen,
die um den Halsausschnitt liefen, dann auf der
Vorder- und Rückseite als gerade Stäbe die
Hauptnaht verdeckten und allmählich sich crbrei-
terteu und vorn und hinten einem V ähnlich in
Gabelkreuze ausliefen, die auf der Schulter zu-
sammentrafen; erst im späten Mittelalter erhielt
das Kreuz anstatt der schief aussteigenden recht-
winklig sich ansetzende Querbalken.
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