Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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nicht empfohlen werde n. Letzteres
nicht, einmal weil auch diese Form Auf-
zugsvorrichtungen an den Seiten braucht,
diese aber weder schön noch praktikabel
sind, sodann weil sie ihrer Weite und
Größe wegen sehr viel Seidenstoff erfordert,
daher für unsere gewöhnlichen Verhältnisse
im Preise zu hoch kommt. Man könnte es
befürworten, daß für die Kathedral- und
Stiftskirchen oder in sehr reichen Stadt-
pfarrkirchen ein Prachtmeßgewand großen
Schnittes zur Auszeichnung der höchsten
Festtage angeschafft würde, aber für den
gewöhnlichen Gebrauch und in gewöhn-
lichen Kirchen kann an die Einführung
dieses Schnittes nicht gedacht werden.

(Fortsetzung folgt.)

Oie Stabt Cauffen a. IX., ihre
Heilige und ihre Heiligthümer.

(Schluß.)

Im Chor dieser Kapelle befindet sich
aber noch ein Denkmal des Alterthnms,
das besondere Besprechung verlangt. Es
ist das ein Sarkophag, 4' 8" lang,
3' 6" hoch, an den Schmalseiten mit kleinen
frühgothifchen Maßwerköffnungen, geschlos-
sen mit mächtigem Monolith, der auf beiden
Seiten abgeschrägt ist; in den Giebelfel-
dern oben ein griechisches Kreuz, unten
eine dreiblätterige Blume oder Lilie. Um
den Deckel lauft folgende Inschrift: anno
Um. m. dueentemmo vicesimo 8ep>timo
fuit canonisata et translata virgo et
martir sancta Regiswindis et fundata
ecclesia. Hier stehen wieder Inschrift
und Stil des Sarkophags im Streit mit
einander; elftere scheint in die spätere Zeit
des 15. Jahrhunderts zu weisen, letzterer
unzweifelhaft in die Zeit der Frühgothik;
der Widerspruch läßt sich aber durch die
Annahme lösen, daß die Inschrift erst
später ans dem Stein angebracht wurde,
eine Annahme, welche durch die Erwägung
gesichert wird, daß ursprünglich der Sarko-
phag der heiligen Reginswindis — denn
ihn haben wir hier zweifellos vor uns —
nicht wohl die obige Inschrift hätte tragen
können. Die Geschichte dieses Sarkophags
läßt sich nicht allzu schwer seststellen. Be-
kannt ist von ihm, daß er erst in den
letzten Jahren in der Kapelle seinen Platz
erhielt; früher befand er sich ans der

Nordseite der Kirche. Wir werden nicht
sehlgehen, wenn wir annehmen, daß er
mit der Kirche gefertigt wurde und daß
der heilige Leib bei der Einweihung der
Kirche aus der Kapelle in eben diesen,
einst im Chor der Kirche errichteten Sarko-
phag übertragen wurde. Entfernt wurde
er aus der Kirche als man im Jahr 1521
für den heiligen Leib einen silbernen Sarg
von 56 Mark Silber um 729 Gulden
hatte fertigen lassen; diesen wollte man
natürlich nicht in den nur mit wenigen
Oessnungen versehenen Steinsarkophag ver-
schließen und verbergen, sondern zu seiner
Ausnahme ward der jetzt noch an der Ost-
wand des Chores in der Kirche befindliche,
mit spätgothischen Ueberstabungen verzierte,
mit zwei schönen durchbrochenen Eisen-
thüren verschlossene große Steinschrank
angebracht, dessen durchbrochene Gitter-
thüren den Anblick des Kunstwerkes und
Heiligthums ermöglichten. Als man den
Steinsarkophag ans dem Chore auswies,
machte man ihn durch die obige Inschrift
zu einem historischen Monument, und wollte
man ihm durch dieselbe zugleich pietätvolle
Behandlung sichern.

Die Kapelle ist gegenwärtig nicht im
besten Zustand, wiewohl Mitte der fünf-
ziger Jahre an ihr restauriert wurde.
Der Chor ermangelt eines rechten Daches;
die Fenster sind nicht geschlossen, ihre Maß-
werke theilweise zerstört; Wind, Regen
und Schnee haben offenen Zutritt und
setzen dem ehrwürdigen Bau hart zu. Wie
uns mitgetheilt wurde, ließ vor einigen
Jahren das Domkapitel von Würzburg
der Stadt Laufsen das Anerbieten machen,
es wolle die Kosten einer vollständigen
Restauration der Kapelle ganz tragen,
unter der Bedingung, daß am Regins-
windensest in derselben celebriert werden
dürfe und daß sie dem Besuch katholischer
Wallfahrer offen gehalten werde. Man
trug Bedenken, das Angebot anzunehmen.
Umsomehr ist es Ehrensache der Stadt,
hier weiterem Ruin zu wehren; wir wün-
scheil den Bemühungen des für das Kleinod
warm eingenommenen Herrn Helfers nach
dieser Richtung besten Erfolg und, soweit
in Lanssen selbst die nöthigen Mittel dazu
nicht aufzubringen sind, auch willige Unter-
stützung seitens des Staates.

Zweifellos wurde die besprochene Kapelle
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