Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Gummischläuche angebracht, au deren einem
Ende der Brennstift zum Zeichnen sich findet,
au deren andcrm aber ein Gummiballon zum
Anblasen und Erwärmen des Zeichnungsstiftes,
der eine kleine Oeffnung hat, angebracht ist. Die
Anwärmung des Brennstiftes geschieht nach einer
Gebrauchs-Anweisung dadurch, daß mau die
Platinaspitze desselben an dem beigegebenen
Spiritusbrenner erhitzt. Ist der Stift einige
Minuten erwärmt, so wird das Gebläse leicht in
Bewegung gesetzt; so bald der Stift anfängt,
roth zu glühen, kann mit dem Brennen begonnen
werden. Die Platinaspitze darf nie weißglühend,
sondern nur rothglühend gemacht werden; wäh-
rend des Brennens hat man in der linken Hand
das Gebläse und drückt den hintern Ballon fort-
während langsam, mehr oder weniger stark je
nach Bedarf. Je nachdem man das Gebläse
stärker oder schwächer in Bewegung setzt, kann
man den Brennstift mehr oder weniger stark im
Glühen erhalten und damit dickere oder zartere
Linien in das Holz einbrennen.

Das Material, auf welchem die Zeichnungen
ausgeführt werden, kann jede Hartholzgnt-
tnng sein, doch nehmen sich Arbeiten auf
Ahorn- lind Birnbaumholz, das natür-
lich fein abgehobelt sein muß, besonders schön
aus. Da die Zeichnungen tief ins Holz einge-
brannt werden, sind sie selbstverständlich sehr
dauerhaft und den äußern Einflüssen bei weitem
nicht so ausgesetzt wie Malereien.

Was die kirchliche Verwendung dieser Zeich-
nungen anlangt, so eignen sie sich vorzüglich zu
ganzen Wandvertäferungen, zu Chorstühlen,
Beichtstühlen u. dgl., überhaupt überall da, wo
leere, langweilige .Holzflüchen sich zeigen. Eine
ganz besonders glückliche Verwendung können sie
au den Rückwänden der Chorstühle finden, wo
früher, besonders auch noch im vorigen und vor-
vorigen Jahrhundert meistens die herrlichen In-
tarsien angebracht waren. Die Platina-Holz-
zeichnnngen können dieselben bestens ersetzen und
passen außerordentlich gut zu Holzarchitektur,
viel besser als Malerei. Ich habe letzthin bei
Bildhauer und Altarbauer Metz in Gcbraz-
hofen ein goth. Chorgestühl gesehen, an lvelchcm
dieser neue Kunstzweig zur Anwendung gekonnnen
ist. Das eben in Arbeit begriffene Gestühl mit
42 Sitzen ist für die Grustkapelle des Frauen-
klosters zu Offenburg in Baden bestimmt und
wird nach Art der Ulm er Jörg Syrlin'fchen
Chorstühle, jedoch ohne figurale Skulptur, ans-
geführt. Diese letztere sollen die Holzbrand-
zeichnungen ersetzen, und sie thun es in glück-
lichster Weise. Die Rückwände des ganzen Chor-
gestühles erhalten Einzelnfignrcn aus Führichs
herrlichem, aus elf radirten Blättern bestehendem
„Triumph Christi" (im Verlag von Benziger in
Einsiedeln). Die durch Holzbrand bereits ein-
gezeichneten Patriarchen, Propheten und Apostel
sind Gestalten voll Kraft und Leben, und stehen
zu der Holzarchitektur in schönster Harmonie. Frei-
lich gehört hiezu, wie wir es hier sehen, eine absolut
sichere Hand zur Führung des Platinastiftes.

Eisenharz. - Detzel.

Airchenrestauration.

In unserm Allgäu haben wir zwei Kirchen,

die Muster sind, wie man Kirchen nicht bauen
und nicht entstellen darf, aber auch wie man sie
restanriren kann. Es sind dies die Kirche in
WuchzenHofen und der gothische Chor der
Pfarrkirche in Reichenhofen. 1. Erstere ist im
Jahre 1840 in dem bekannten Finanzstil erbaut
worden, hatte einen backofenförmig gewölbten
Chor, so daß sich die Fenster in der Höhe in der
Wölbung verloren. Der Chorbogen war ein weit
gesprengter, stilloser Lattenbogen. Die Seitenaltäre
mußten übers Eck gestellt werden, und die ganze
Kirche sah unschön aus. Nach erlangter Zustim-
mung des Stiftungsrates und der bürgert. Be-
hörden wurde unter Mitwirkung des christlichen
Kunstvereins gründlich und mit Glück restaurirt.
Das unförmliche Gewölbe wurde herausgerissen,
und eine gut gegliederte Kassettendecke aus Holz
angebracht. Die Mittelkassette hat ein Relief,
die hl. Dreifaltigkeit; alles ist bunt und sehr-
reich gefaßt. Der Chorbogen wurde ebenfalls
entfernt, die Wände so verengt, daß sich ein
schlanker Bogen ergab und die Seitenaltäre ge-
rade gestellt iverden konnten. Bildhauer Metz in
Gebrazhofen hat den ganz Jnban des Chores,
die Seitenaltäre und die Fassung übernommen
und alles im Stile der italienischen Frührenais-
sance ausgeführt. Der Hochaltar ist aus Eichen-
holz gefertigt und schließt sich mit seinem maje-
stätischen Tabernakel und Thronus dem Stile
der Certosa bei Pavia an. Die Verzierung,
Kapitäle, Säulen, Tabernakel sind vergoldet.
Die Skulpturen, 3 Propheten im Antipendium,
4 Evangelisten in der Predella, Joachim und
Anna auf den Seitenteilen des Altares sind bunt
gefaßt. Der Stipes ist grauer und schwarzer
Marmor, die Altarplatte >vie die vier Säulen,
auf denen sie ruht, weißer Marmor. Das
Altarblatt, Kreuzigung Christi, ist von Professor
Fidel Beutele in Stuttgart meisterhaft gemalt.
Das Licht geht von Christus aus; unter dem
Kreuze stehen rechts Maria und Johannes, zu
Füßen Jesu Magdalena und links St. Franziskus
knieend und St. Elisabetha Bona stehend. Der
Künstler hat durch die Aufnahme der beiden
letzten Heiligen einerseits die mit den Wund-
malen begnadigten Liebhaber des Gekreuzig-
ten, anderseits den großen Stifter des 3. hl. Ordens
und die gute Betha als die Selige Ober-
schwabeus verherrlichen und zur Erbauung der
Gläubigen darstellen wollen. Es ist dies voll-
ständig gelungen. Die Fassung der Wände, der
Fensterlaibungen, des Chorbogens und der Rück-
wände für die Seitenaltäre ist mit Oeltempera
in reicher Renaissance nach italienischen Mustern
ausgeführt. Die Chorstühle sind ebenfalls mit
Skulpturen — Stammväter Jesu und Maria
— in Eichen-, Ahorn- und Palisanderholz ohne
Farben ausgeführt. Die vier Fenster lieferte die
Glasmalereianstalt in Innsbruck: zlvei enthalten die
Geheimnisse des freudenreichen und glorreichen
Rosenkranzes, die zwei andern dessiniertes Kathe-
dralglas. Die Fenster haben lauter Kathedral- und
Antikglas und sind sehr gelungen. Der Hochaltar
kostete mit Marmor 9000 M., das Gemälde 2400 M.;
diese 11400 M. stiftete ein braver Jüngling;
die Herrichtung des Plafonds kommt auf 3000 M.
zu stehen, die Fassung der Wände auf 2200 M.,
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