Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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heutigen Kunstwelt verloren gegangen ist;
deßhalb die nachsolgende ikonographische

Studie.

Die Geschichte der Stammeltern ist schon
eine häufige Darstellung ans den Denk-
mälern des christlichen Alterthums und

begegnet uns hauptsächlich auf Sarko-
phagen und Goldgläsern. In der hl.

Schrift (I. Kor. 15, 45) wie bei den
älteren Vätern finden wir in bem ersten
Adam, dessen Sünde die Menschheit ins

Verderben stürzte, eine Erinnerung an
Christus, den zweiten Adam, wie man in
Eva, der Mutter des Menschengeschlechtes,
ein Vorbild der Kirche fand. Diese Bil-
der des Sündensalles sollten den ersten
Christen eine Aufforderung sein, „dem
göttlichen Gesetze, welches durch den Baum
der Erkenntniß versinnbildet wird, nicht
ungehorsam zu sein, damit wir nicht gleich
Adam und Eva nackt d. h. der Gnade
Gottes bar und unfern wie aller andern
Augen mißfällig werden (3. Ambros. de
paradiso XIII.), sowie eine Ermahnung,
in den blutigen Leiden der Verfolgungen
und den unblutigen der Versuchungen die
Beschwerden des irdischen Lebens, die eine
Folge der Sünde sind, und selbst den
Tod, der durch die Sünde eine Noth-
wendigkeit geworden, nicht zu fürchten;
um der Genüsse des aus Staub gebildeten
Leibes willen und für den Apfel sinnlicher
Freuden die Seele nicht ins Verderben zu
stürzen; das künftige Gericht des allge-
rechten Gottes, dessen Stimme Adam im
Paradiese in Schrecken setzte, zu fürchten;
dem barmherzigen Rufe des himmlischen
Vaters, der Adam auch nach der Sünde
so liebevoll beim Namen rief (3. Joh.
Chrys. Hom. 7 ad pop.), zur Buße zu
folgen; die Erde, in welcher wir gleich
Adam und Eva nackt eingetreten sind und
welche wir nackt verlassen müssen, zu ver-
achten und den Himmel uns zu er-
kämpfen". H Diese vielen dogmatischen
und moralischen Beziehungen erklären es
von selbst, daß wir in der altchristlichen
Zeit so oft den Darstellungen des Sünden-
salles begegnen. Aber auch die Schöpf-
ung Adams und Evas findet sich auf
dem Sarkophage des 4. Jahrhunderts, der
jetzt im Museo Cristiano des Lateran ist *)

und ursprünglich aus S. Paolo stammt.
Gott Vater sitzt hier auf einem Throne,
der mit einem Teppich geschmückt ist, eine
Auszeichnung, die auch bei den Bischofs-
stühlen des Alterthums zum Zeichen der
Erhabenheit ihrer Würde auf den bildlichen
Darstellungen sich findet. Gott der hl.
Geist steht hinter dem Vater, Gott der
Sohn, welcher die Hand auf das Haupt
Evas legt, vor ihm, Adam erblickt man
ans der Erde liegend.

In den Darstellungen des Sünden-
falles stehen Adam und Eva unter dem
Baume der Erkenntniß, um den häufig die
Schlange sich windet, welche oft den Apfel
im Maule trägt und den Kopf häufiger
auf Eva als auf Adam zuwendet. Der
Baum ist, namentlich aus den Sarkophagen
und Goldgläsern, meist niedrig, kaum höher
als die nebenstehenden Personen, wohl in
Folge der Ranmverhältnisse, da in den
Gemälden der Katakomben derselbe vielfach
höher erscheint. Die ersten Menschen haben
die Blöße bald mit einer oder mit beiden
Händen, bald mit einem Feigenblatt, bald
mit einer Blätterschürze (Gene5. 3, 7) be-
deckt. Diese Darstellungen des Sünden-
salles treffen wir in verschiedenen Phasen:
wir sehen das erste Menschenpaar neben
dem Baume stehen, an dem die versuchende
Schlange noch gar nicht erscheint, oder
wir sehen die Versuchung und das Ein-
gehen auf sie selbst. Die Schlange rin-
gelt sich in letzterem Falle meistens um
den Baum. Ferner ist dargestellt, wie

Gott Rechenschaft fordert wegen der
Uebertretung des Verbotes, weiter ist ab-
gebildet die Verhängung der Strafe und
die Verheißung des Erlösers, indem Chri-
stus in jugendlicher Gestalt zwischen Adam
und Eva steht und ersterem ein Bündel
Aehren, letzterer ein Lamm reicht. Endlich
sehen wir auch die Vertreibung der Stamm-
eltern aus dem Paradiese auf einem Bas-
relief und auf einem Sarkophage des 5.
Jahrhunderts ans dem Cömeterium des
hl. Valentinus zu Terni. Ein ganzer
Cyklus von Darstellungen ans bem Leben
unserer Stammeltern findet sich auf einem
Sarkophage in S. Ambrogio zu Mai-
land, wie denn überhaupt auch bei den
Kirchenvätern Gemälde u. s. w. aus der
Geschichte der ersten Menschen erwähnt
werden, alles ein Beweis, wie beliebt der

*) Vgl. Heuser in Real-Enc. I. 16 f.
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