Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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wären, so daß sich eitle, schlaue und lüsterne
Thiere (Pfau, Papagei, Fuchs, Katze,
Tiger u. dgl.) auf Seite Evas, gutmüthige,
dumme Thiere (Ochs, Kameel u. dgl.) aus
Seite Adams befänden.

Von dieser gewöhnlichen Auffassung gibt
es Abweichungen insofern, als mitunter die
Schlange ganz fehlt, so schon in einem
Miniaturbilde zur Genesis, einem
Manuskript der Wiener Hofbibliothek an-
geblich aus dem 4. oder 5. Jahrhundert/)
oder daß sie aufrecht steht oder in der
Art um den Baum geschlängelt ist, daß
sie mit ihrem Schweife zugleich die Füße
Evas umringt; so in der Miniatur eines
bxultet-Manuskriptes aus dem 12. Jahr-
hundert?) Wo die Schlange ganz fehlt, ist
öfter jedem unserer Voreltern ein Teufel
der Verführung beigegeben, so z. B. in
den merkwürdigen Skulpturen der roma-
nischen Kirche zu Schöngrabern iu
Niederösterreich/) wo beim Sündenfalle
der Stammmuter ein drachenartiges Thier,
wie es scheint ihr in das Ohr die Ver-
führung flüsternd, beigegeben ist, während
zur Seite Adams und ihn an der Schul-
ter anfassend ein menschlich gebildetes Uu-
gethüm erscheint. In einem Relief an der
Bronzethüre zu Hildesh eim aus dem
11. Jahrhundert ist der Teufel ebenfalls
in doppelter Gestalt angebracht: rechts
sieht man Eva mit der Frucht in der
Hand bei einem Baume, um welchen die
Schlange sich windet, während hinter Adam
ebenfalls ein Baun: erscheint, in dessen
Zweigen ein geflügeltes, schlangenartiges
Ungethüm sichtbar wird, das dem Kopfe
Adams zugewendet ist. Auf einem Kapi-
täl der Abteikirche St. Benoit für
Loire erscheint außer der um den Baum
gewundenen Schlange sowohl über dem
Kopfe Adams als auch Evas ein geschlunge-
ner Drache.

Was den Baum der Erkenntniß
anlangt, so erwähnt die hl. Schrift seine
Fruchtart nicht, und so kommt es, daß je
in verschiedenen Ländern zu verschiedenen
Zeiten diese auch verschieden aufgefaßt

*) ^gincourt, Malerei S. 19, Nr. 4.

2) Agincourt, S. 56.

3) Bgl. Dr. G. He ider, Die roman. Kirche
zu Schöngrabern in Niederösterreich. Wien,
1855, S. 123 f.

wurde?) In den frühesten Darstellungen
wechselt der Feigenbaum mit dem Apfel-
baum; in Italien finden wir am Sarko-
phage des Junius Bassus und in den
Malereien der Katakomben den Feigen-
baum, ebenso in der griechischen Kirche;
selbst noch in dem Speculum humanae
salvationis, einem lateinischen Manuskript,
das im 13. Jahrhundert in Italien ver-
faßt wurde, ist der Baum der Erkenntniß
ein Feigenbaum. Adam und Eva haben
hier beide eine wirkliche Schlange vor
sich, welche ihnen eine Feige anbietet. In
einer Biblia sacra mit Miniaturen aus
dem 15. Jahrhundert ist der verhängniß-
volle Baum ein Orangenbaum. Die
Schlange hat einen Frauenkops. (Die
beiden letzten Manuskripte befinden sich in
der Pariser Staatsbibliothek.) Im Bnr-
gnndischen und in der Campagne, wo
der Orangenbaum unbekannt ist, und der
Feigenbaum Früchte ohne Süßigkeit bringt,
hat man zuweilen den Weinstock als den
Baum des Guten und Bösen abgebildet.
In der Normandie findet sich der Apfel-
baum, und sogar den Kirschbaum glaubte
Didron* 2 3) in der Pikardie angetroffen zu
haben. Man wählte also offenbar den
Baum aus, welcher iu der Gegend, wo,
und in der Zeit, wann man lebte, für den
köstlichsten gehalten wurde.

Der Kopf der Schlange ist öfter
ein menschliches Haupt; eine Schlange
aber, welche spricht, mochte gewissen Künst-
lern sonderbar Vorkommen und sie gaben
ihr deshalb den Kopf eines Menschen,
und zwar ziemlich oft den eines jungen
Mädchens: 6e virgine, wie nach Didron
ein Manuskript der Pariser Bibliothek
sagt. Einigemal ist es auch der Kopf
eines Jünglings, und in einem italienischen
Manuskripte zeigt die Schlange zwei
Menschenköpfe, wovon der eine auf Adam,
der andere auf Eva sieht. Später endet
die Schlange in einem förmlichen mensch-
lichen Körper, wie z. B. bei Michel-
angelo in seinen Deckengemälden der
Sixtinakapelle.

Adam und Eva, deren Festtag nicht

J) Daß auch die Ausichten derGelehrten hierüber
auseinander gehen, zeigt eine Stelle aus Mola-
nus, Historia S. S. Imaginum, Lovanii 1771,
p. 90 ff.

2) Schäfer a. a. O. S. 108.
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