Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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feevit sammle schon, so lang sie sich noch in
gutem, soliden Zustand befindet. In einigen
Zähren lassen sich die Drittel zu einem Kir-
chenbau nicht erzwingen und Herzaubern.
Dies mag an: Ende versucht werden in der
Diaspora oder in Städten mit sehr schnell
wachsender Bevölkerung, und in derartigen
Ausnahmsfällen steuert gewiß jeber gern
dazu bei, wo aber konstante Verhältnisse be-
stehen, da ist es unverantwortliche Saumselig-
keit, erst dann au die Sammlung eines Fonds
zu denken, wenn bereits schreiende Mißstände
schleunige Abhilfe erheischen, und da ist es
eine starke Zumnthung, andere zur Beisteuer
aufzurufen, nachdem man selbst zu nachlässig
war, bei Zeiten Geldmittel zu sammeln. Früher
hat man Jahrzehnte und Jahrhunderte ge-
braucht, um oft einen Kirchenbau zu vollenden,
jetzt möge man wenigstens so viel Zeit zur
Sammlung der nöthigen Fonds aufwenden;
ja es sollte hierin eigentlich gar keinen Still-
stand geben; wenn die Kirche auch noch wohl
in: Stande ist, sollte doch schon wieder daran
gedacht werden, Mittel zu schassen zu späte-
ren Renovationen und Neubauten. Ein Fonds
braucht ja lang, bis er zur Herstellung einer
schönen Kirche ansreicht. Mancher hat sich
schon über die Nachlässigkeit früherer Pfarrer
in diesem Punkt beklagt, sorge jeder, daß
man sich später nicht mit gleichen: Recht über
seine Saumseligkeit beschweren kann!

2. Auswahl und S o n d i r u u g des
Terrains.

Ist der Kostenpunkt in Ordnung gebracht,
so kommt die zweite Frage an die Reihe;
auf welchen Platz soll die Kirche gestellt
werde::? Es können da verschiedene Rück-
sichten in Betracht kommen: ästhetische,
daß sie eine hervortretende, erhabene, würdige
Lage und Unigebung erhalte; diese Rücksich-
ten werden freilich nie die ersten und allein
Ansschlag gebenden sein dürfen; sodann Rück-
sichten des Bedürfnisses und der Bequem-
lichkeit, daß sie nicht außerhalb der Ge-
meinde gestellt, sondern womöglich in: Ort
gelassen wird und nicht zu entfernt von:
Pfarrhaus ist, der kirchlichen Gewohn-
heit, daß sie nach Osten gerichtet wird rc.
Besonders achte man, daß der Platz trocken
i st und das Wasser w o m ö g l i ch von
allen Seiten Abfluß hat; wenn dies
nicht der Fall ist, muß es durch künstliche
Mittel bewirkt werden. Denn wenn sich
das Wasser in die Fundamente setzen kann,
so wird Schaden für das Gebäude entstehen,
und in der Kirche selbst wird sich die Feuch-
tigkeit einnisten. Sodann ist bekanntlich ein
gutes Fundament von großer Wichtig-
keit, und es ist sehr rathsam, vorher au ver-

schiedenen Stellen Probelöcher machen zu
lassen, damit mau erfährt, wie tief das
Fundament gegraben werden n:uß, da dies
schon auf den Kosteuvorauschlag von großem
Einfluß ist. — Für den Architekten ist natür-
lich vor allen: ein genau und pünktlich au-
gefertigter und abgemessener Situationsplan
nothwendig. Wenn das Schnurgerüst her-
gestellt ist, kann sich der Pfarrer nochmals
vergewissern, ob die Raumverhältnisse der
einzelnen Theile der Kirche richtig und ent-
spreche:^ werden.

3. Welchem Architekten soll mau
sich anvertrauen? Diese Frage ist von
größter Bedeutung sowohl für die Richtigkeit,
Stilreinheit und Schönheit des Baues, als
für die Baukasse, wie für guten Verlauf der
ganzen Bauangelegenheit. Kann sich der
Pfarrer auf den Architekten nicht verlassen,
so hat er nicht bloß mehr Arbeit, sondern
auch die peinlichsten Widerwärtigkeiten in
Aussicht. Nun giebt es ja gewiß viele geschickte
und verständige Baunieister, aber eben so sicher
ist, daß für Kirchenbauten ganz besondere,
eingehende Studien und Erfahrungen von
Nöthen sind. Die Zeiten sollten doch vorbei
sein, wo irgend ein Baumeister, der bisher
nichts gebaut hat als Scheunen, Ställe und
Schafhäuser, ohne weiteres hergehen und ohne
eine Ahnung von Stil und kirchlichem Be-
dürfniß Bauten erstellen durfte, die etwas
von Scheune, Stall und Sehafhaus, aber
nichts von einer Kirche an sich hatten. Es
ist klar, daß ein Techniker, auch wenn er
sonst recht schöne und praktische Gebäude
hergestellt, darum nicht ohne tveiteres in:
Stande ist, eine allen Anforderungen ent-
sprechende Kirche herzustellen, geschweige daß
er beim Jnnenbau den: Pfarrer an die Hand
zu gehen vermöchte. Sodann sollen nicht
persönliche Rücksichten, sondern der Eifer für
die Sache in der Wahl der Architekten maß-
gebend sein. Wenn ein Architekt dir wohl
bekannt oder befreundet ist, oder in der
Nachbarschaft wohnt, so folgt daraus noch
lange nicht, daß er auch eine wohlgelungene
Kirche zu bauen versteht; und wenn in einer
Genwinde, sei es ans Vorliebe für die Per-
son oder auch aus Furcht ein Architekt für
einen Kirchenbau verlangt werden will, gegen
dessen Fähigkeit und Erfahrung berechtigte
Zweifel vorhanden sind, so muß sich der
Pfarrer derartigem Ansturm init aller Ent-
schiedenheit widersetzen.

Es ist auch nicht rathsam, sich erst von
mehreren Architekten verschiedene ausgearbei-
tete Pläne fertigen zu lassen; denn Pläne
sind theuer. Derartiges kann sich der Staat
oder ein Fürst erlauben, eine Kirchenbaukasse
aber sollte mau dafür nicht in Anspruch
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