Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 52
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nehmen; wenn man mehrere Entwürfe will,
so sollen es nicht fertig ausgearbeitete
Pläne sein, sondern es genügt eine einfache
Skizze; man ersuche um unentgeltliche Liefe-
rung einer schlichten Skizze und behalte sich
zum voraus völlige Freiheit der schließlicheu
Entscheidung vor. — In manchen Diözesen
ist für kirchliche Bauten ein eigenes bischöf-
liches Bauamt ausgestellt, an das man sich
in solchen Fällen zu wenden hat — eine Ein-
richtung, die manches für sich, aber, so viel
man hört, and; sehr vieles gegen sich hat.
Wir haben keinen Grund, uns nach dersel-
ben zu sehnen. Wir wenden uns in solchen
Bauangelegenheiten vertrauensvoll an den
Kunstverein unserer Diözese und erhalten
hier prompte, sachkundige und sachdienliche
Beratung. Auch wenn ein Architekt gefun-
den ist, sollte der Pfarrer nicht ganz darauf
angewiesen sein in verba magistri zu schwören,
sondern sollte als reetor ecclesiae selbst auch
wissen, was für die Kirche passend und wün-
schenswerth ist nnb was nicht, und ein Archi-
tekt soll nicht ganz nach seinem Belieben
schalten und walten dürfen, sondern auch den
berufenen Vertreter der Kirche zum Wort
kommen lassen, wenn er auf dem Boden
seines Rechts und seiner Kenntnisse und sei-
ner Pflicht sich bewegt. Man kann nicht
von: Pfarrer verlangen, daß er in allen Zwei-
gen der kirchlichen Kunst bewandert und
erfahren fei, darum hat er in technischen
Dingen im Allgemeinen den Architekten schal-
ten zu lassen; wenn er aber selbst nicht Be-
scheid weiß und den Ansichten des Architekten
nicht unbedingt beipflichten zu können meint,
dann möge er sich nicht scheuen, bei solchen
anzufragen, die in solchen Bau- oder Kunst-
fragen mehr wissen als er, das ist ja nicht
beschämend, viel weniger, als wenn man nicht
fragt und dann grobe Fehler genuacht wer-
den, die ;u vermeiden gewesen wären. Un-
beschadet des hier Gesagten soll indessen,
namentlich wenn der Plair einmal als richtig
erkannt auad angenommen ist, der Architekt
die Oberleitung des Baues in seinen Händen
haben, und der Pfarrer hüte sich, ihm in
seinem Anate Schwierigkeiten zu bereiten und
ohne dringende Gründe sich gegen ihn zu
stellen.

Als Honorar erhält der Architekt bekannt-
lich bestimmte Prozente vom Ueberschlag,
wobei die Reisediäten extra berechnet werden.
Es empfiehlt sich, bei Zeiten das Honorar
fest zu bestimmen, und man mache zur Be-
dingung, daß die Zeichnungen so zeitig ge-
schickt werden, daß der Bau keine Verzöge-
rung erleidet. (Fortsetzung folgt.)

Literatur.

D er Lebensbaum. Aus dein Lateini-
schen des hl. Kirchenlehrers und Kardinals
B o n a v e u t it v a vom Orden der Minder-
brüder. Zweite, erweiterte Auflage. Frei-
burg, Herder, 1888. 79 S. mit einem

Lichtdruck, drei Facsimiles und einer No-
tenbeilage.

Je mehr St. Bonaventura in Studium, Be-
trachtung und Gebet sein Auge auf das Kreuz
heftete, um so mehr rückte es sich ihm in den
Mittelpunkt aller Religion, aller Dogmatik und
Moral und um so mehr erschien cs ihm als der
Lebensbaum, wurzelnd im Boden der ganzen
Weltgeschichte, erblühend in hellen, duftenden Blü-
ten der Wahrheit, überhäugt mit reichlichen Früch-
ten des Lebens. Das Büchlein Lignum vitae,
in welchem der Heilige seine reichen und schönen
Gedanken hierüber niederlegt, gehört unzweifelhaft
zu dem Besten und Schönsten, was die vom
Blut des Herrn trunkene Mystik gesungen, was
ihr hellsehendcs Auge geschaut hat. Daß es sich
noch nicht überlebt hat, beweist der erfreuliche
Umstand, daß die obige fließende und feinfühlige
Uebersetzung desselben binnen kurzer Zeit zunr
zweitenmal aufgelegt werden mußte. Diese Ueber-
seknng erscheint aber im Bunde mit der Kunst,
in einem Bunde, welchen schon der Heilige selbst
abgeschlossen hatte. Die Idee vom großen Cen-
tralfruchtbanm des neuen Gottesreichs, welche er
in Worten auseinanderlegt, sollte nach seiner Be-
stimmung zugleich durch die plastische Darstel-
lungsgabe der Kunst dem Auge vorgeführt wer-
den. Er hat die Komposition jener Kreuzdar-
stellung erfunden, tvelche so lange Zeit hindurch
ein Lieblingsbild der Christenheit war, — des
Krenzesbanmcs mit je sechs Aesten ans beiden
Seiten, von denen die unteren zwei llrsprnng und
Leben, die mittleren Leiden und Sterben, die
oberen die Verherrlichung Jesu repräsentiren und
deren jeder die Frucht einer besonderen Gnade
oder Tugend trägt. In gereimten Schlagworten,
die miteinander einen erhabenen Hymnus bilden,
sollte nach seinem Wunsche je das betr. Geheim-
niß am Krenzesast angeschrieben stehen. Die
obige Komposition bietet uns in trefflichem Nach-
bild die beste Versinnlichnng dieser hohen Idee,
tvelche dem Mittelalter gelungen ist, das Bild
vom Ktenzesbaum im Refektorium des Franzis-
kanerklosters Santa Croce in Florenz, von wel-
chem wir in dieser Zeitschrift 1885 S. 82 sprachen;
daneben noch ein einfacheres Lignum vitae, Mi-
niatur einer Handschrift in Darmstadt ans dem
13. Jahrhundert. Diesem schönen Bunde voir
hl. Bercdtsamkeit, Poesie und Kunst tritt aber in
dieser zweiten Auflage noch die Musik bei; zwei
liebliche Melodien für die gereimten Strophen
des Lignum vitae, ans dem 13. und 14. Jahr-
hundert stanimend, hat Herr Domchordireklor
Schmidt in Münster harmonisirt; dieser Harmoni-
sirnng sind die Facsimiles der alten Noten an
die Seite gedruckt. Es sollten also Wenige sein,
denen das schön ansgestaltete Büchlein nicht in
einer oder mehrfacher Hinsicht eine hochwillkom-
mene Gabe wäre. — Kepple r.

Stuttgart, Buchdruckeret der Akt.-Ges. „Deutsches Volksbkatt".
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