Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 53
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Archiv für christliche Kunst.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Annst.

perausgegeben und redigirt von Professor Dr. Keppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. fiir M. 2. 05 durch die württemb. <M. I. 90
im Stuttg. Bcstellbczirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Reichspostaustalten,
fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
. auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags -LOOO*
direkt von der Expedition des „Deutschen Bolksblatts" in Stuttgart, Urbansstrahe 94,
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

Neue Studien über parameutik.

Bon Prof. Keppler.

(Fortsetzung.)

Fragt man aber, wie denn dieser Unfug
jemals habe einreißen können, so ist daraus
zu erwidern, daß an seinem Auskommen
der Klerus entschieden unschuldig ist; er
ist ein Kind der Industrie, es mögen die
Reisenden der Paramentengeschäfte noch so
sehr versichern, daß die steife Form eben
gewünscht, deßwegen gemacht werde. Ans
Seiten des Klerus ist ein Motiv der Bor-
liebe für die Brettercasel absolut undenk-
bar; daß sie etwa der Bequemlichkeit diene,
kann wahrlich nicht behauptet werden. Die
gewinnsüchtige Industrie allein konnte an
der Bersteisnng ein Interesse haben, denn
sie gab ihr das Mittel an die Hand,
schlechten, elenden Seidenstoffen ein besseres
Ansehen 31t geben und das jämmerliche
Leben derselben um etwas- zu verlängern,
nebenbei auch mit anspruchsvollen Stickereien
mehr paradieren zu können. Dieser wahre
Grund wird freilich seitens der Paramenten-
geschäste,welchem solcherBersteisung machen,
nicht angegeben, sondern man schiebt hier
angebliche Rücksichten aus bessere Erhaltung,
leichtere Aufbewahrung u. s. w. vor. Aber man
lasse sich nicht bethören durch Scheingründe,
noch durch den Schein der künstlich auf-
gedonnerten Fabrikate: man kaufe nie
und unter keinen Umständen ein
Meßgewand, bei welchem der
Stoff nicht in seiner natürlichen
W ei chh eit b e lass en i st und unrein
ebenfalls w e i ch e s F u t t e r z u m H a l t
und zur Unterlage hat.

5) Endlich ist zu sprechen von der
letzten Ausgestaltung, welche das
Meßgewand erlebt hat und durch welche
es zu der Mißgestalt wurde, welche die
Figur n p q r s d und Figur 6 uns
vorführt. Diese Figur ruft unwillkürlich

musikalische Erinnerungen in uns wach,
kann aber hier nur absolut abstoßend und
widerwärtig ans uns wirken, weil denn
doch zwischen einem Gewand und einem
Geigenkasten, zwischen dem Opferpriester
des Neuen Bundes und einer Baßgeige
eine innere Beziehung auch mit Zuhilfe-
nahme der kühnsten svmbolischen Ideen sich
nicht wohl denken läßt. Es sind auch
wahrlich keine symbolischen Gründe, welche
das Meßgewand in
diese seltsame musi-
kalische Form ver-
zaubert haben. Er-
finderin der Baß-
geige ist wiederum
lediglich die Indu-
strie ; auch die Roth
könnte als ihre Mnt-
ter bezeichnet wer-
den, nämlich die aus
der Versteifung des
Gewandes hervor-
gegangene Noch. Der Priester wußte sich
in der Bretterhütte, zu der man das Meß-
gewand gemacht hatte, nicht mehr 311 helfen;
vorn an der Brust rieb er sich an dem
harten Deckel die Arme wund, bei Genn-
flexionen stieß das Gewand auf dein Bo-
den auf, und es soll vorgekommen sein,
daß es steif und aufrecht aus dem Boden
stehen blieb, so daß der Kops des nieder-
knieenden Priesters durch die Oesfnung
fuhr und völlig in der Bretterhütte ver-
schwand. Da mußte Wandel geschaffen
werden, und das ging sehr leicht. Natür-
lich gieng die Industrie von der Steifung,
welche ihr so viele Vorteile bot, nicht ab,
sondern sie nützte dieselbe zu einem weiteren
Vorteil ans und zu weiteren Ersparnissen:
man nahm abermals eine Beschneidung der
Casula vor und zwar eine so gründliche,
daß sie wirklich kaum mehr die Hälfte ihrer
ursprünglichen Länge hatte; vorn brachte
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