Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Lhorschranken, Lettner und Ziborien
in Württemberg.

(Fortsetzung.)

Der Lettner der Stiftskirche in Tü-
bingen steht auf sechs Freisäulen; er ist
nämlich nicht zwischen die zwei ersten Pfei-
ler des Schiffes eingespannt, sondern steht
nach Westen vollständig frei und schließt
sich nur nach Osten an die Chorbogen-
bogenwand an. Er besteht aus drei Tra-
veen, welche in je drei Arkadenbögen gegen
Chor und Mittelschiff, mit je einem gegen
die Nebenschiffe sich öffnen. Gebaut ist
er wohl 1495; das Zeichen seines Mei-
sters ist in der Mitte angebracht und ist
wohl dasselbe, das in Sulz mit den
Buchstaben d s vorkommt; wir wissen
diesen Meister aber noch nicht zu benennen,
obwohl wir die Anfangsbuchstaben seines
Namens haben. *) Die drei dem Langhaus
zugekehrten spitzen Arkadenbögen ruhen auf
einfach prosilirten Pfeilerchen mit hübschen
Uebereckstellungen am Fuß; sie sind bekrönt
von krabbenbesetzten geschweiften Spitzbögen
(Eselsrücken), deren Schlußblume in die
Galerie emporwächst; zwischen den Bögen
ans Konsolen unter Baldachinen vier Sta-
ttletten, St. Sebastian, Christus, Madonna
(das Kind weggeschlagen); die vierte fehlt
und an ihre Stelle hat sich eine allego-
rische Figur der Justitia sehr widerrecht-
lich eingeschmuggelt. Oben schließt eine
erneuerte Maßwerkgalerie bcn Emporen-
raum ab; der Zutritt zum Lettner erfolgt
entweder durch das Treppenthürmchen in
der äußern nordwestlichen Chorecke oder
von dem Archiv über der Sakristei aus;
links und rechts vom Chorbogen führt eine
rundbogige Pforte durch die Ostwand des
Schiffes auf sehr hübsch angelegten kleinen
Treppen herab auf den Lettner. Ob diese
Treppenanlage bei der letzten Restaurirung
(1866 durch Leins) sich in ihren Spuren
wenigstens noch vorfand oder ganz neu
erdacht wurde, ist mir unbekannt; jeden-
falls ist sie ingeniös und elegant. Innen
sind die drei Traveen netzgewölbt und haben
Schlußsteine mit den Brustbildern der
Gottesmutter, der hl. Helena und des hl.
Stephanus. Der Eindruck dieses Lettner-
banes ist ein überaus günstiger; weil er

') Bgl. Klemm, Württbg. Bauriieister S. 135.

nicht ganz die Breite des Mittelschiffes
ausfüllt und nach vorn freisteht, erscheint
er viel leichter und luftiger als die zwischen
die Pfeiler eingebauten und den ganzen
Zwischenraum ausfüllenden; er schließt den
Chor nicht eigentlich ab, vielmehr eröffnet
er von allen Seiten schöne perspektivische
Durchblicke in dessen Halle und leitet erst
das Auge an, die Höhe und den weiten
Raum derselben zu ermessen und zu ge-
nießen. Auch hier dienten zweifellos nur
die äußern Arkaden als Durchgänge und
die mittlere als Ciborinm für einen nie-
drigen Krenzaltar.

Neben diesen vier erhaltenen Lettnern
können noch mehrere genannt werden, welche
leider zerstört wurden, von deren früherer
Existenz aber sichere Kunde aus uns ge-
kommen ist. In der Marien- oder Do-
minikanerkirche in Mergentheim war
ein Lettner, der 1676 abgetragen wurde;
unter ihm befand sich ein Altar.l) Ebenso
war die Kirche von H e r r e n b e r g durch
die Stiftung eines Ulrich Megler 1453
zu einem Lettner gekommen, der 1739 und
1747 abgebrochen wurde. In der St.
Amandnskirche in Urach sind noch Reste
der einstigen Lettners in mächtigen Rippen-
und Arkadenansätzen am östlichsten Pfciler-
paar des Langhauses zu sehen; auch das
Treppenthürmchen, welches den Zugang
vermittelte, und das Pförtchen, das durch
die Ostwand des Schisses heransführte
auf den Lettner, ist noch erhalten. Ein
besonders reicher befand sich in der Stifts-
kirche in Stuttgarts) er zog sich von
der Nordwand des am Chor eingebauten
romanischen Südthurmes über das Mittel-
schiff hinüber bis zur Abschlußwand des
nördlichen Seitenschiffs oder des hieher
projektirten, bloß zu dieser Höhe geführten
zweiten Chorthurms. Er war geschmückt
mit bildnerischen Darstellungen der Ankün-
digung, Geburt Christi, Beschneidung und
Anbetung der Könige. Einige Figuren,
sind noch erhalten in der Urbanskapelle
und Heideloff hat zwei abbilden lassen,
einen der Könige und eine ältliche Frauen-
figur, die das Bild eines Strahlenkindes
auf dem Leibe trägt, wahrscheinlich Elisa-

9 Zimmerte, Gesch. der Marienkirche in
M. S. 20, 22.

9 S. Heideloff, Knust des Mittelalters in
Schwaben S. 22; Abb. des Lettnerrestes S. 20.
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