Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 56
DOI Heft: 10.11588/diglit.15864.32
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15864.34
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15864.35
DOI Seite: 10.11588/diglit.15864#0060
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1888/0060
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
beth aus der Darstellung der Heimsuchung.
Der Lettner wurde anfangs dieses Jahr-
hunderts abgetragen, doch blieb der ganze
Trakt desselben im linken Nebenschiff er-
halten; er füllt die ganze vorderste Tra-
vee ans und ist mit einer neuen Brüstung
versehen; er öffnet sich in zwei ganz un-
gleichen Bögen nach der nördlichen Ur-
banskapelle und nach dem Mittelschiff, und
das Gewölbe ist so angeordnet, daß die
eine Konsole mit ihrem Rippenansatz in
die Bogenöffnung hereinragt, also nicht
trägt, sondern getragen wird (hängt); an
diesem hängenden Stein ist unter einem
Weinstock eine Figur (St. Urban?) an-
gebracht; a>l der Ostwand windet sich in
zwei großen von einem Pfeiler gestützten
Bögen die Wendeltreppe hinauf. Hier ist
also einiger Anhaltspunkt für die Rekon-
struktion des Lettners gegeben, der dem er-
haltenen Theile nach in ziemlich bedeuten-
der Höhe angebracht war. ■— Der Lettner
in der Spitalkirche in Stuttgart, der ehe-
maligen Dominikanerkirche, ist bis auf die
letzte Spur entfernt worden. *)

Indem wir hiemit die Aufzählung der
Lettner in unserm Lande schließen, müssen
wir uns rechtfertigen, warum wir den
in der „Formenlehre" (S. 70) und auch
bei Otte aufgeführten, angeblich ältesten
Lettner auf dem Michelsberg bei Clee-
bronn, OA. Brackenheim, nicht in dieser
Kategorie aufgeführt haben. Die Erklä-
rung hierüber wird zugleich als Ueberlei-
tung zur Besprechung der C i b o r i e n
dienen können.

Sehen wir uns das Einbaustück, um
das es sich handelt, genau an. Bekannt-
lich trägt der Michelsberg, diese uralte
Gebetsstätte, eine romanische Kapelle, deren
Erbauung wohl in den Anfang des 13.
Jahrhunderts zu setzen ist. Der Chor
befindet sich im Ostthnrm und hat ein
Kreuzgewölbe, dessen Rippen ans drei durch
Diamantstäbe von einander geschiedenen
Wülsten bestehen und auf hübschen Eck-
säulchen ruhen, mit steiler attischer Basis
und mit durch Bandornament und Gitter-
werk verzierten Kapitellen. Ob das Schiff
seinem Manerwerk nach ans der romani-
schen oder gothischen Zeit stamme, ist nicht
mit Sicherheit zu sagen; die an der Nord-

wand eingemanerten romanischen Skulp-
turen sprechen jedenfalls für einen früheren
Ban. Soviel ist sicher, daß Fenster und
Thüreil 1793 verändert wurden, in wel-
chem Jahre der Graf von Stadion durch
Maurermeister Banhard von Ludwigsburg
unter Aufsicht des Frater Aegidius ein
Kapuzinerhospiz neben der Kirche errichten
ließ. (Fortsetzung folgt.)

Adam und Lva

i il der ch r i st l i ch e n K u n st.

Von Pfr. Detzel in Eisenharz.

(Schluß.)

Wie Adam als Typus Christi gilt, so
Eva als Typus der Kirche, der Mutter
der ewig Lebenden. Daneben beleuchten
die hl. Väter mit Vorliebe an vielen
Stellen den typischen Charakter Evas als
Vorläuferin der h l. I u n g f r a u: wie
das Weib die Sünde mit deren Folgen
in die Welt gebracht, so soll auch das
Weib der Welt das Heil bringen; an die
Stelle der ersten Stammmutter, die ihren
Beruf verkannt, tritt eine neue, voll-
kommenere, welche diesen Beruf erfüllen
und der Schlange das Haupt zertreten
wird. Aus diesem symbolischen Charakter
Evas zil Maria ist das Wortspiel ent-
standen, daß der Gruß des Engels an
Maria „Ave" das umgekehrte „Eva" sei,
wie dies in dem alten, vielleicht schon
dem 6. Jahrhundert angehörenden Kirchen-
hymnus ausgedrückt wird:

»Sumens illud Ave
Gabrielis ore;

Funda nos in pace
Mutans Evae nomen.«

Maria ist daher im kirchlichen Sinne
die zweite Mutter des Menschengeschlechtes,
welche in ihrem Sohne das Vergehen der
ersten Mutter tilgte, und die Kirchenväter
bringen geistvolle Zusammenstellungen der
Gegensätze, zwischen beiden. So sagt z. B.
der hl. Augustinus (Sermon. de temp.
Senn. XXXV): »Haec est enim, quae
sola meruit mater et sponsa vocari.
Haec primae matris damna resolvit:
haec homini perdito redemptionem ad-
duxit. Mater enim generis nostri poe-
nam intulit mundo: genitrix domini
nostri salutem addidit mundo. Auc-
trix peccati Eva: auctrix meriti Ma-

tz A. n. O. S. 28.
loading ...