Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 57
DOI Heft: 10.11588/diglit.15864.32
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15864.35
DOI Seite: 10.11588/diglit.15864#0061
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1888/0061
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
57

ria. Eva occidendo obfuit: Maria

vivificando profuit. lila percussit:
ista sanavit. Haec enim mirabili at-
que imaestinabili modo omnium re-
rum et suum peperit salvatorem.« Diese
Auffassung gieug auch in das spätere

Schauspiel des Mittelalters über, in

welchem Eva und Maria, die Kirche und
Synagoge in Gegenstellung redend und
handelnd erscheinen.

Nach all dem dürfen wir uns nicht
wundern, daß das erste Menschenpaar
schon im frühen Mittelalter so häufig an
den Eingängen der Kirchen abgebildet ist.
Es sollte zugleich auch den Büßer, der in
der Vorhalle, von der Kirche ansgewiesen,
dastand, an die Milde des Ewigen erinnern,
der auch einst das erste Menschenpaar
aus Eden wies, aber dennoch nachher

Barmherzigkeit übte. Es heißt deshalb
im Pontif. Rom.: »Ecce ejicimini . . . .
sicut Adam primus homo ejectus est
de paradiso propter transgressionem
suam.«

Ein reicher Bezug hat sich in der
christlichen Kunst besonders auch zwischen
dem Sündenfall der ersten Menschen und
dem K r e u z e s t o d e Christi gebildet.
Eine Reihe poetischer Sagen ist daraus
entsprossen, welche ihrerseits wieder in der
Kunst den bildlichen Ausdruck fanden.
Wo Adam begraben wurde, gibt die hl.
Schrift nicht an. Hieronymus, sich stützend
auf eine jüdische Tradition, berichtet (in
Matth. K. 27), daß Adam in Hebron be-
stattet wurde, und weil zu Hebron über-
dies auch die drei Patriarchen Abraham,
Isaak und Jakob ruhen, habe diese Stadt
ursprünglich den Namen Cariath Arbe
(die Stadt der Viere) erhalten. Aber die
bei weitem größte Zahl der Kirchenväter
(Epiphanins, Origenes, Athanasius, Ehry-
sostomus, Ambrosius, Basilius, Augustinus
n. s. w.) und selbst Hieronymus ist der
Ansicht, daß der Schädel Adams nach der
Sündflnth von Sem auf dem Kalvarien-
berge bei Jerusalem begraben und dieser
Berg daher „Schädelstätte" genannt wor-
den sei. Den dieser sinnreichen Sage zu
Grunde liegenden Gedanken spricht Am-
brosius (Ep. EXXI n. io. in Golgatha
Jesus Christus) tu den Worten aus:
»Ibi Adae sepulcrum, ut illum mortu-
um in sua cruce resuscitaret. Ubi ergo

in Adam mors omnium, ibi in Christo
omnium resurrectio.« *) Noch heute
zeigt man unter dem Standorte des
Kreuzes ans Golgatha die Adamskapelle
als den Ort, wo der dort ruhende Schädel
Adams von dem durch die Spalte des
zerrissenen Felsens herabträufelnden Blnte
Christi soll benetzt worden sein. Die
Kunst nun hat diesen schönen Gedanken
der Tradition in verschiedener Weise sich
zu eigen gemacht. Wir seheil da Adam
allein zu den Füßen des Kreuzes und
zwar noch im Grabe von dem Sünden-
tode umfangen, so am Fuße eines Kruzi-
fixes aus dem 12. oder 13. Jahrhundert
im Museum der Ritterakademie zu Lüne-
burg. Das Gestell, ans vier Löwenfüßen
ruhend, über denen vier Jünglinge, die
Paradiesesströme andentend, Urnen aus-
gießen, hat oben eine Wölbung und be-
deutet, wie die Inschrift ausdrücklich meldet,
den Erdkreis (assignans orbem). Ans
demselben liegt Adam im Sarge und die
Inschrift besagt:

»Adae morte novi redit Adae vita
priori."2)

In andern Darstellungen ist er be-
reits durch die Gnade des Opfertodes
Christi ans dem Grabe erwacht und richtet
sich aus, so in einem Min iaturbild e
ans dem 11. Jahrhundert und in einem
Evangeliarium der Bibliothek zu Kassel,
das die Kreuzigung Christi enthält; um
den Kreuzesstamm windet sich eine Schlange,
ein Weib, ein Füllhorn haltend (die Erde?),
hebt einen Menschen (den Adam), der
die Hände ausstreckt, zur gleichen Höhe
der Schlange empor. Jnschriftlich bezeugt
findet sich diese Darstellung auch in St.
Ulrich zu Augsburg und im Dome zu
Chur: eeee resurgit Adam, cui dat
deus in cruce vitam. Auch unter dem
Triumphkreuze zu Wechsel b u r g und
unter dem Stationskreuze des Bischofs
Erpho (1085—1097) in S. Mauriz zu
Münster liegt unter dem Kreuze eine
Figur, die (wie sonst die Ecclesia), in der
Rechten einen Kelch erhebend, offenbar den
ersten Menschen vorstellt. Ein Glasge-
mälde der Kathedrale zu B e a u v a i s aus * S.

0 Vgl. Kreuser, Wiederum Kirchenbau,

S. 276.

0 Vgl. Ölte, 540 A. 3.
loading ...