Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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dem 13. Jahrhundert zeigt zu Füßen des
Kreuzes ein Grab, welchem Adam, durch
den Tod Christi zu neuem Leben erwacht,
entsteigt, wobei er in einem goldenen Ge-
fässe das für seine Sünde zur Rettung
der Menschheit vergossene Blut aufsammelt,
und auf einem Email aus dem 12. Jahr-
hundert zu Revers hebt Adam die
Hände dankend und betend zu dem Hei-
lande empor. Später fehen wir, wie
auch in unfern Tagen, statt Adam und
Eva, bloß noch einen Todtenschädel
mit zwei kreuzweise über einander gelegten
Knochen unter dem Kreuze. Es hat sich
also von dieser tiefsinnigen Symbolik in
die neuere Kunst nur wenig vererbt und
auch dies Wenige bleibt meistens unver-
standen. Gewöhnlich werden der Todteu-
kopf und die Paar Gebeine auf den durch
den Opfertod Christi errungenen Sieg
über die Sünde und ihre Folgen — den
Tod gedeutet. — Es ist dies allerdings der
Grundgedanke, aber die nähere Gestal-
tung dieses Gedankens ist verschwunden.
Rur die griechische Kirche hat diesen
Glauben aufrecht erhalten und gibt ihm
in ihren Kunstgebilden Ausdruck. Sie
schreibt vor: „Unter dem Kreuze ist eine
kleine Höhle und tit derselben ist der
Schädel des Adam und zwei andere Ge-
beine, welche mit dem Blute Christi be-
netzt sind, das von den Wunden seiner
Füße herabfließt." x)

Oefter als Adam allein sind beide
Stammeltern bei dem Kreuze Christi an-
gebracht und zwar in der Weise, daß sich
das Grab öffnet und beide aus demselben
hervorfchreiten, wodurch vielleicht auch die
Höllenfahrt Christi und die Befreiung des
ersten Menschenpaares aus der Unterwelt
angedeutet werden soll, wie in einem
Altarbildwerke zu St. Guillelme-du-Desert
in Frankreich?) Oefter erscheinen sie als
die ersten Menschen, welche von der durch
ihre Schuld in die Welt gekommenen
Sünde befreit werden, zu Seiten des
Kreuzes und zwar wie üu Hortus deli-
ciarum der Aebtissin Herrad von Lands-
pergP links und rechts neben demselben
knieend. Eine Häufung der Symbole * 2 3

0 Vgl. Schäfer, 205.

2) Vgl. Helder, Schöngrabern S. 132.

3) Vgl. Engelhardt, Herrad von Lands-
perg 2C. und ihr Werk Hort, clelic. 1818 S. 49.

sehen wir später, wie z. B. in dem Meß-
buche des B e r t h o l d Furt m a v e r
(1480) H, wo der Baum, au dessen Fuße
Adam schläft und um dessen Stamm sich
die Schlange ringelt, als Früchte Aepfel
und Hostien trägt, dazwischen aber sieht
man auf der einen Seite einen Todtenkopf,
aus der andern ein Kruzifix; unter ersterem
steht Eva nackt und reicht die von der
Schlange ihr gegebenen Aepfel Knieenden
dar, hinter denen der Tod lauert, unter
dem Kruzifix wohl das Bild der Kirche
(nicht, wie Otte S. 513, dem wir hier
folgen, meint, „die gekrönte Maria"),
welche Hostien den Knieenden reicht, hinter
denen ein Engel mit der Schrifttafel:
Ecce panis angelorum etc. steht. Deut-
licher und einfacher ist der Bezug zwischen
dem Sündenfalle und dem Kreuzestode
Christi auf den Skulpturen der Ex-
ternsteine in Westfalen, nach einer vor-
handenen Inschrift vom Jahre 1115, aus-
gedrückt. Es ist das ein Relief, das einzig
in feiner Art in den lebendigen Felsen
gehauen die Abnahme Christi vom
Kreuze zeigt; unterhalb dieser Darstellung
werden die Gestalten von Adam und Eva
sichtbar, wie sie beide von einem Schlangen-
drachen umschlungen worden, so daß ihnen
nur die Hände zum flehenden Empor-
hebeu freigelasfen sind?)

Eine weitere sinnreiche Beziehung des
Sündenfalles zum Kreuzesopfer Christi
gibt die schöne Legende über den
Stamm des hl. Kreuzes, der aus
dem Holze des Paradiesesbaumes angefer-
tigt worden sein soll. Diese Sage, welche
schon im 12. Jahrhundert vollständig ent-
wickelt erscheint, von der sich aber ver-
einzelte Züge schon in den apokryphischen
Evangelien Nachweisen lassen, erzählt:
Als Adam das Herannahen seines Todes
fühlte, sendete er seinen Sohn Seth zu
dem englischen Wächter des Paradieses
(nach Jacob de Boragine dem Erzengel
Michael), um von ihm einen Zweig jenes
Baumes zu erlangen, bei welchem Adam
gesündigt hatte. Der Engel gab ihm diesen
Zweig; damit zurückkehrend fand Leih
seinen Vater bereits gestorben, und er

0 Abb. bei Förster, Malerei III. 1.

2) Vgl. Maßmann, der Externstein in
Westfalen, Nebst getreuer Abbildung. 1846.
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