Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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pflanzte diesen Zweig ans des Vaters
Grab. Als nach Verlauf vieler Jahre
Salomo an den Tempelbau gieng, wurde
jener ans dem Zweige kräftig emporge-
wachsene Baum, welcher durch seine Schön-
heit die Aufmerksamkeit auf sich zog, ge-
fällt, doch wollte er sich nirgends in den
Bau einfügen lassen, indem er immer ent-
weder zu lang oder zu kurz war; er wurde
daher, um als Brücke zu dienen, über
einen See gelegt. Als später die Königin
von Saba mit reichen Geschenken cm diesem
See anlangte, wollte sie die Brücke nicht
betreten, weil es ihr im Geiste vorschwebte,
wie auf diesem Balken der Heiland der
Welt den Tod erleiden werde. Nach Hause
zurückgekehrt, erzählte sie dem Könige Sa-
lomo, daß auf diesem Holze Jener werde
gekreuzigt werden, durch dessen Tod das
Reich der Juden seinem Ende zugeführt
werde. Salomo ließ daher dasselbe von
dem See wegnehmen und in den tiefsten
Schacht der Erde versenken. Später bil-
dete sich daselbst ein Fischteich, welcher, da
in ihm das heilige Holz versenkt lag,
wunderbare Heilkräfte in sich barg. Als
endlich die Leidenszeit Christi herannahte,
erhob sich das Holz aus den Tiefen und
schwamm an der Oberfläche. Die Inden
ergriffen es und ließen daraus das Kreuz,
woran Christus starb, bereiten.

Wir sehen zu Folge dieser Legende in
vereinzelten Fällen das Kreuz Christi nicht
aus behauenen Balken, sondern aus dem
Stamme und den Zweigen eines
Baumes zusammengefügt; so aus einem
romanischen Glasgemälde des östlichen Chor-
fensters der Kirche zu L eyd e n im Münster-
lande, wo Adam und Eva mit der Schlange
unter dem Baume, der die symbolische Ge-
stalt des Kreuzes hat, sich befinden; da-
neben die Worte: Lignum Vitae; so
auch an den Bildwerken der Karssnnschen
Thüren der Kathedrale zu N o w g o r o d
(13. Jahrh.); das Kreuz ist hier ans zwei
Palmbäumen zusammengefügt.

Den Titel »Lignum vitae«, wie obiger
Baum, trägt auch eine der kleineren asce-
tischen Schriften des hl. Bonaventura, r)
in welcher sich der Heilige das Kreuz als

st Der Leb ensbäum aus dem Lateinischen
des hl. Kirchenlehrers und Kardinals Bonaven-
tnra. Nebst einer Tafel in Lichtdruck, Freiburg.
Herder. 2. A. 1888. S. „Arch." 1888 S. 52.

Baum des Lebens nach Apok. 22, 2 und
Genes. 2, 9 gedacht. In den alten Hand-
schriften nun und in den verschiedenen
Druckausgaben der Werke des hl. Bona-
ventura ist dem Lignum vitae eine schlichte
Abbildung beigegeben, deren Skizze ohne
Zweifel vom hl. Verfasser selbst entworfen
wurde. Im Refektorium des Franziskaner-
klosters Santa Croce zu Florenz aber
befindet sich eine reiche Komposition, die
in herrlicher, künstlerischer Durchführung
das Bild des Lebensbanmes darstellt. Wer
der Meister ist, ob Franzesko da Volterra
ca. 1350 oder Ricolo di Pietro Gerini
ca. 1380, läßt sich bis jetzt nicht mit Be-
stimmtheit feststellen. Das Bild ist aber
im engen Anschluß an Bonaventuras Schrift
gemalt. Das Bild zeigt mitten am Stamme
des Lebensbanmes, dem Kreuze, Christus,
die lebensspendende Frucht. Vom Baume
breiten sich links und rechts je sechs Aeste
ans, die mit je vier sich aufeinander rei-
menden Versen, wie mit vier Blättern ver-
sehen sind und zugleich eine diesen vier
Blättern entsprechende Frucht tragen. Der
ganze Baum hat demnach zwölf Aeste und
48 Verse oder Blätter, welche den Ueber-
schristen der 48 Betrachtungen entsprechen,
aus denen das Schriftchen besteht. Ans
je vier Versen oder Betrachtungen ergibt
sich eine besondere Frucht; so trägt der
Baum zwölf Früchte. Das unterste Dop-
pelpaar der Aeste mit sechszehn Betrach-
tungen und vier Früchten umfaßt den Ur-
sprung und das Leben Jesu, das mittlere
Doppelpaar mit Betrachtungen und Früch-
ten in derselben Zahl bezieht sich ans das
Leiden, das oberste mit gleicher Zahl der
Betrachtungen und Früchte stellt die Ver-
herrlichung des Herrn dar. Jeder Ast
umschlingt ferner das Bild eines alttesta-
mentlichen Propheten, welcher das betref-
fende Geheimnis; vorher verkündet hat.
Anfang und Schluß der Doppelreihe der
Propheten geben die Bilder der vier Evan-
gelisten, aus deren Schriften das Myrrhen-
büschlein gesammelt ist. Am Fuße des
Kreuzes, welches der hl. Franziskus um-
faßt, sitzt der hl. Bonaventura und schreibt
aus eine Schriftrolle den im Texte ange-
führten ersten Vers: o crux frutex sal-
vificus etc. Rückwärts von ihm stehen
die Heiligen Antonius von Padua, Do-
minikus und Ludwig, Bischof von Ton-
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