Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Schooß genommen hat. Ohne daß ihr
eine Krone, das Symbol der Himmels-
königin, beigegeben wäre — ein einfaches
Tnch fällt in malerischen Falten von ihrem
Hanpte ans die Schultern hernieder —,
vereinigen sich doch huldigend um sie die
Vertreter christlichen Lebens: eine heilige
Katharina im jugendlichsten Alter kniet in
hingebendster Aufmerksamkeit zu ihren Füßen,
ein König in den Jahren des Jünglings
bietet ihr eine Krone, und ein Kirchenvater
aus dem Konzil von Nizäa hat sich an-
dächtig vorgebengt und die Hände gefaltet.
Als Vertreter des alten Bundes ist ein
Prophet herbeigeeilt, ferner ein Engel,
welche überrascht und fragend nach dem
Stern der Weisen ansblicken. Da steht
nun rechts im Vordergründe des Bildes
der hl. Apostel und Blutzeuge Paulus,
welcher sich zu dem Engel und dem Pro-
pheten hinüberwendet und mit seiner Rech-
ten erklärend und beantwortend ans die
Gruppe von Jesus und Maria hinweist.
Der obere Theil des Bildes läuft, durch
Architektur getheilt, in zwei spitzbogige
Felder ans, in welchen jugendliche und
kindliche Engel musiziren und singen. Hoch
oben in der Spize der Felder sieht man
einerseits die Mondessichel, anderseits den
Stern, dessen Strahlen bis zu der Mutter-
Gottes und dem Jesuskinde hernnterdringen.
Somit ist das Bild hauptsächlich ein Re-
präsentationsbild christlicher Glanbens-
mächte.

Mit wenigen Worten dürste der Grund-
gedanke des nächsten Bildes angegeben
sein: Der hl. Christophorns schreitet, das
Jesuskind mit der Weltkugel ans der rech-
ten Schulter durch das stnrmbewegte
Wasser. Als Stab und Stütze dient ihm
ein ausgerissener junger, zu diesem Zwecke
zugehauener Baumstamm. Gedanke und
Anordnung sind demnach die überlieferten.
Aber wie bei aller Herkömmlichkeit der
Stellung ein Kruzifix von Michel-Angelo
das eines untergeordneten Bildhauers weit
au Knnstwerth überragt, so hat auch Bau-
meister seinen hl. Christophorns durch die
Art, wie er gegeben ist, das Verständniß
des Knochenbaues und der Muskulatur
und deren Wirkung, die Unmittelbarkeit
der Bewegung des gigantischen Körpers,
überhaupt durch die ganze Energie der
Formengebung mit Eigenschaften ansge-

stattet, wie man sie nur bei großen Meistern
zu finden gewöhnt ist.

Das dritte Bild „St. Leonhard" ist
zugleich ein Mnttergottesbild. Maria sitzt
ans einer Wolke und schaut abwärts gegen
die Erde. Ans ihrem Schooße steht das
Jesuskind mit ausgebreiteten Armen. Unter
der Wolke hindurch steht man, in stark
verkleinertem Maßstab, ein liebliches Stück
Landschaft mit Figuren. Da sind in der
Ferne niedrige Höhenzüge, Dorf und
Kirche, im Mittelgründe Buschwerk, wei-
dende Pferde, Rinder und Schaafe, im
Vordergründe senden der Pfarrer rmd
Bauersleute heiße Gebete gen Himmel.
Zur Rechten der Mutter Gottes, aber
weiter vorn und etwas tiefer, sehen wir
den heiligen Leorrhard. Die ehrwürdige
Gestalt, gekleidet in ein weitfaltiges langes
Gewand mit Kapuze, ist gebeugt von der
Last der Jahre. In frommem bittenden
Ausblick hat sich St. Leonhard zum Jesus-
kinde hingewandt und empfiehlt mit sprechen-
der hinweisender Handbewegnng die Ge-
meinde ans Erden, die sich mit Hab und
Gut seiner Fürbitte unterstellt hat, dem
allmächtigen Schutze Gottes. Dieses sind
die Grundgedanken des Bildes. Da nun
die Mutter Gottes mit dem Jesuskinde
in der Mitte des Bildes, zu ihrer Rechten
der hl. Leonhard ist, da ferner ein Werk
mit monnmentalem Charakter wie ein Altar-
bild einen architektonischen Ausbau ge-
bieterisch verlangt, so muß man billig
fragen: Wie ist es mit dem Platz zur
Linken der Mutter Gottes? Dort, zu
ihren Füßen, hat ein Engel die Hände
flehend zum Jesuskinde erhoben, zu dem
die Blicke vorausgeeilt sind. Direkt unter
dem Engel sind die flehenden Bewohner des
Dorfes, so daß er, der sein Gebet mit
den ihrigen vereinigt, als ein Mittler an-
gesehen werden soll, der ihre Bitten hin-
anfträgt und vor dem Throne Gottes
unterstützt. Durch diese Figur hat die
Komposition nicht nur ihren Abschluß,
sondern das Bild einen neuen ideellen und
formalen Reiz bekommen.

Die schon erwähnte Knnstzeitnng macht
ihren Leserkreis noch mit weiteren Bildern
Baumeisters bekannt: „Votivbild der gräf-
lich Quadt'schen Familie ans Schloß
Moos", „St. Christoph in der Schlacht"
„St. Christoph ans dem Marterblock",
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