Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 68
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versteht unter Ciborium in diesem Sinne
den auf vier oder zwei vder einer Säule
und Wandkonsolen ruhenden Ueberbau über
einem Altar. In der alten Kirche war
der Hochaltar in der Regel Ciboriumaltar,
d. h. mit einem Baldachin überwölbt,
von welchem die taubenförmig (peri-
sterium) oder anders gestaltete Pyxis mit
dem heiligsten Sakrament herabhieug. Ein
Ciborium über dem Hochaltar hat in unse-
rem Laude sich nicht erhalten, wohl aber
solche für die Nebeualtäre. Ihrer Mehr-
zahl nach stammen diese aus dem 14. und
15. Jahrhundert, aus der Zeit, wo auch
in kleineren Kirchen die so überaus reich-
lichen Stiftungen von Kaplaueieu und
Benefizien eine Vermehrung der Altäre
nöthig machten. Wir dürfen als sicher
annehmen, daß man in jenen Zeiten nie-
mals einen Altar im Schiff anbrachte, ohne
durch ein Ciborium gleichsam eine Kapelle
für ihn zu schaffen, eine vom großen
Laienraum ausgeschiedeue und als beson-
ders heilig und würdevoll betonte Stätte.
Es ist ein lebendiges Gefühl für die Hei-
ligkeit und Würde des Altars, auf welchem
das hl. Opfer vollzogen wird, welches da-
mals nicht gestattete, ohne alles weitere
einem Altar seinen Standort im Schiss zu
geben. Wenn man durch die Verhältnisse
der Kirche, durch die Kleinheit des Chores,
durch den Mangel besonderer Altarkapellen
genöthigt war, im Schiff Altäre aufzustelleu,
so zeichnete man diesen Altarraum aus
durch ein Ciborium. Die frühgothifchen
Ciborien auf dem Michelsberg werden als
die ältesten unseres Landes zu bezeichnen
sein. Sie haben, wie wir sahen, mit denen
zu Hessigheim aus der spätgothischen Zeit
das gemeinsam, daß in beiden Fällen der
ganze Ostraum des Langhauses für die
liturgischen Funktionen des Priesters vom
Raume, welchen das Volk einnimmt, ab-
gesondert erscheint.

Für die Regel begnügte mau sich, au der
Wand des Chorbogens in der nordöstlichen
oder südöstlichen Ecke des Schiffs oder tu
beiden Ciborien anzubringen. Diese unter-
scheiden sich in ihrem Bau wenig von
einander. Es sind Steinbaldachine, die
auf zwei Seiten au die Wand stoßen, und
hier meist aus Konsolen aufsitzen, aus zwei
Seiten in Spitzbögen sich nach dem Schiff
öffnen und an dieser freistehenden Ecke mit

den beiden Arkadenbögen von einer Säule
oder einem Pfeiler ausgenommen werden;
über den Bögen zieht sich meist ein schlichtes
gerades Gesitns hin, das nach oben ab-
fchließt und mitunter in niedrigen Kirchen
am Plafond anstößt; der Jnneuraum ist
mit Kreuz- oder Netzgewölbe überfangeu.
Regelmäßig hat dann der durch das Ci-
borium umschriebene kleine Kapellenraum
sein eigenes kleines Fensterchen. Wo in
alten Kirchen in der Südost- oder Nord-
ostecke des Schiffes ziemlich niedrig ange-
brachte, kleine Fensteröffnungen zu finden
sind, darf man sicher auf ein früher hier
befindliches Ciborium schließen.

Ciborien dieser Art, in der Nordost-
und Südostecke des Langhauses angebracht,
mit einer Freisäule, haben sich erhalten in
der ca. 1482 erbauten Gottesackerkirche
zum hl. Kreuz in Nußd orf, OA. Vaihingen,
berühmt durch ihre Wandgemälde und
neuestens durch die Fürsorge des kunstsin-
nigen Freiherrn von Reischach restaurirt.
Auf beiden Seiten des Chorbogens befin-
den sich die mit eigenen kleuteu Fensterchen
bedachten, innen kreuzgewölbteu Steincibo-
rieu, welche oben mit einfachem Gesims
abschließen.

Zwei Ciborien gleicher Anlage weist die
spätgothische Kirche von G e m m r i g h e im,
OA. Besigheim, auf; das eine hat Kreuz-,
das andere Netzgewölbe (letzteres im Schluß-
stein Meisterschild mit der Jahrzahl 1526).

Bekannter sind die beiden Ciborien in
der Veitskirche in M ü h l h a u s e n a. N. I,
von welchen wir das eine in der Abbil-
dung vorführen. Sie sind von verschiedener
Höhe und ruhen beide auf schlichten Pfei-
lercheu. Der nördliche hat ein Netzge-
wölbe, der südliche ein auf Konsolen ruhen-
des Kreuzgewölbe, dessen freiragende Rippen-
bögen den mit stilisirten Wolken bemalten
ebenen Plafond tragen. Unter dem nörd-
lichen steht noch die alte Mensa mit dem
Flügelaltärchen. Beide haben ein ziemlich
breites Fensterchen. Beim südlichen ist in
eigenthümlicher Weise in die Wand hinein
ein Gängchen vertieft und die ausgehöhlte
Wandfläche au der Ecke mit einem Pfei-
lerchen unterfangen; daran ein Steinmetz-
zeichen mit der Jahrzahl 1455. Heideloff

3) Heideloff, Kunst des M.-A. in Schwaben,
S. 35; Otte, Knnftarchäol. I, 141; Bandri's
Organ 1868 Nr. 10.
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