Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 69
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vermuthet, es könnte sich hier um eine alte
Beichtstnhlanlage handeln, aber sicher mit
Unrecht. Der kleine Gang ist offenbar
für den Ministranten angebracht und soll
ihm den Zugang zu dem in der Fenster-
nische noch erhaltenen kleinen Wandtisch
für die Meßkännchen ermöglichen. Weiter
hat man die Frage ansgeworfen, ob die
hier wie anderswo am Anfang der Bögen
vom Pfeiler nach der Wand gezogenen
zwei Eisenstangen etwa als Vorhanghalter
angebracht worden seien, so daß die Ci-

Fig. 3. Ciborium in Mühlhausen n N.

borieu wie die Altäre der ersten Jahr-
hunderte während der ganzen Messe oder
eines Theiles derselben abgeschlossen wor-
den wären. I Die Frage wird zu ver-
neinen sein; die Eisenstangen sind schon
der Art ihrer Anbringung nach lediglich
als Verankerungen anzusehen, die den nicht

i) Bertheidigt wird diese Annahme^von Bock
im Organ für christliche Kunst 1868 S. 109 ff.
„Die Behänge der Ciborienaltäre."

aus Schub und Druck veranlagten Pfeiler-
chen die nöthige Gegenkraft gegen das Ge-
wölbe des Jnnenraums verleihen.

In Maulbronn haben sich an der
um 1400 erhöhten Verlängerung der Ehor-
schranke im nördlichen Seitenschiff Neste
eines Ciborienbaldachins erhalten, nämlich
die Rippenansätze eines Kreuzgewölbes.
Ohne Zweifel entsprach diesem Baldachin
ein gleicher an der Südostwand des gegen-
überliegenden Seitenschiffes, das aber
später Veränderungen erlitt. Ferner stehen
noch zwei Ciborien im Schiff, mit ihrer
Rückwand je an den dritten Arkadenpfeiler
angelehnt, vorn ans je zwei hübschen spi-
ralförmig gewundenen Sänlchen ruhend;
innen haben sie schönes, reichbemaltes
Sterngewölbe. Am nördlichen steht ange-
schrieben Conradus Grcmper civis de
Vaihingen 1501 (Stifter, nicht Erbauer).
Heutigen Tages noch werden dieselben vom
führenden Cicerone dem Fremden als
„Kontroverskanzeln" erklärt, ans denen
katholische und protestantische Prediger sich
im Wort befehdet hätten; unsere wiederholten
Belehrnngsversuche haben nichts gefruchtet;
vielleicht gelingt es einmal einem der jetzi-
gen Hüter des Heiligtums, diesen lächer-
lichen Jrrthnm anszurotten, damit nicht
bei unterrichteten Fremden die Achtung vor
württembergischem Kunstverständnis einen
bedenklichen Stoß erleide.

Noch mag ein Ciborienpaar erwähnt
werden, das hart an unserer Grenze in
dem Gundelöheim gegenüberliegenden hes-
sischen Orte Guttenberg sich findet.
Der Standort ist die rechte und linke Ecke
am Chorbogen; beide haben Kreuzgewölbe
und eine gewundene Säule, oben einfachen
Gesimsabschluß.

In manchen Kirchen treffen wir ein ein-
zelnes Ciborium, das rechts oder links
vom Ehorbogen angebracht worden ist.
In dem kleinen Kirchlein von Erdmann-
hausen, OA. Marbach, nimmt die süd-
östliche Ecke des Langhauses ein rundes
Treppenthürmchen ein, welches den Zu-
gang zum zweiten Thurmgeschoß vermittelt;
daran lehnt sich ein Ciborium, hier und an
der Ehorbogenwand ans Fratzenköpfen, an
dem vierten Eck auf achteckiger Freisänle
ruhend; innen Netzgewölbe, im Schlußstein
Brustbild des Täufers.

Ganz überrascht war ich, in dem un-
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