Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Interesse der Kunstgeschichte als Pflicht
betont werden. Was aber die Ciborien
in der in unserem Lande so häufigen Ver-
bindung mit den Nebenaltären anlangt,
so liegt dieser Einrichtung ein so tiefer
Sinn, ein so richtiger Gedanke zu Grunde,
daß man ihre Wiederaufnahme nicht warm
genug empfehlen kann. Der Altar soll
uicht ohne alles weitere in den Laienraum
der Kirche gestellt werden; seiner Heilig-
keit ziemt eine Auszeichnung seines Stand-
ortes, auch wo dieser Standort nach den
räumlichen Verhältnissen im Langhaus an-
geordnet werden muß. Zugleich bildet
diese einfachste Art von Altarkapellen eine
solche architektonische Bereicherung des
Jnnenraums einer Kirche, einen so wirk-
samen Schmuck, daß auch von rein künst-
lerischem Standpunkt aus ihr das Wort
geredet werden müßte. Die Baldachine
müßten nicht nothwendig in Stein aus-
geführt werden; wählt man Holzmaterial,
so würde man durch eine Anlage mit zwei
oder mit vier Säulchen eine schöne Be-
reicherung eintreten lassen können. Möchte
das Verständnis, wieder erwachen für diese
durch Liturgie und Kunst gleichmäßig em-
pfohlene Altareinrichtung und möchte das
Verständnis entsprechende Thaten erzeugen!

Die Ruinen de5 Alosters Derrenalb.

Von Stadtpfarrverweser Schöning er.

Im stillen, freundlichen Albthale, um-
geben von des Schwarzwalds dunkelbe-
waldeten Bergen, dem Mauzenstein, Falken-
stein und andern, liegen die Ueberreste des
einst nach Maulbronn reichsten Klosters
in Altwürttemberg, Herreualb. Die Un-
gunst der Zeiten hat wenig stehen gelassen
von dem hochberühmten Monasterium
Beatae Mariae Virginis in Alba Domi-
norum. Aber was noch steht als Zeuge
alter Klosterherrlichkeit, bietet aus drei
Bauperioden des Interessanten so viel,
daß unser Bedauern um den Verlust des
Fehlenden um so größer wird. Maulbronn
mit seinen herrlichen Bauten hätte dann
im Schwarzwaldgrunde ein würdiges Ge-
genbild, geeignet, die Baukunst desselben
Ordens der Cistercienser hell ins Licht zu
setzen.

Betrachten wir nun die Ruinen und

was in und ans ihnen steht. Die Reste
zeigen uns die Zeit der Gründung, die
Zeit der Blüthe unb die Zeit des nahen-
den Untergangs.

Gegründet wurde das Kloster um die
Mitte des zwölften Jahrhunderts von den
Grafen von Eberstein. Das Mntterkloster,
von wo aus die Ansiedelung geschah, war,
wie bei Maulbronn, das Kloster Nenburg
bei Hagenau im Elsaß. Bischof Günther
von Speier, ein Graf von Henneberg und
mit dem Ritter Walther von Lomersheim
Fundator von Maulbronn, ertheilte auch
dieser Klostergründung seine Genehmigung.
Daher fällt auch der Klosterbau in die-
selbe Zeit wie bei Maulbronn , um das
Jahr 1150. Daher der Stil der ur-
sprünglichen Anlage der streng romanische.
Leider ist von dieser Anlage vieles ver-
schwunden.

Die Klosteranlage im Albthale — valles
Bernardus amabat — war wie in Maul-
bronn mit fester Mauer, Graben und
Thürmen umschlossen, deren einer jetzt als
Rathhans dient. Diese Mauer ist dem
Umfang nach fast noch ganz erhalten, aber
bedeutend erniedrigt. Ihre Konstruktion
ist die des Emplecton (Füllmauer), wie
fast bei allen Befestigungsbauten der älteren
Zeit. In der Mitte ungefähr des von
der Mauer umschlossenen Raumes lag das
eigentliche Kloster. Wenn wir von der
Länge der Kirche einen Schluß ziehen auf
seine Ausdehnung, so steht seine Anlage
hinter der von Maulbronn an Großartig-
keit weit zurück. Verhältnißzahleu können
aber bei diesem Bau resp. seinen Resten
nicht angegeben werden, da die Anhalts-
punkte fehlen. Solche Verhältnißzahleu
finden sich bei den Kloster- und Kirchen-
anlagen zu Maulbronn, Bebenhausen,
Bronnbach, dem Mutterkloster Eiteanp
selbst, und sie geben überraschende Ein-
blicke in die Regelmäßigkeit, Klarheit und
Harmonie aller dieser Klosterbanten, wo-
durch gerade ihre großartige Wirkung be-
dingt ist.

Um das eigentliche Klostergebände mit
Kirche herum lagen die mancherlei zu einem
großen und reichen Klosterhaushalt ge-
hörigen Oekonomie- und Verwaltungs-
gebäude. Auch von ihnen ist der größte
Theil verschwunden, und an ihrer Stelle
stehen zum Theil moderne Bauten. Ver-
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