Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 72
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schwunden ist die wohl auch hier, wie iu
Maulbronn, Bebenhausen, Citeaur in der
Nähe des Thores, im Vorhofe befindliche
Laienkirche oder Kapelle, welche für die
Dienstlente und Frauen, die in die Kloster-
kirche nur selten Zutritt hatten, bestimmt
war. Verschwunden sind die Nebenbanten
des Gesinde-, Herren-, Pfrnndhauses und
andere. Verschwunden ist auch das ganze
Kloster, das sich hier, wie am Ausgangs-
punkt der Cistercienser, in Citeaur, ans der
Südseite der Kirche (in Maulbronn auf
der Nordseite) in den jetzt noch soge-
nannten Krenzgärten ansdehnte. Die noch
stehenden Oekonomie- und sonstigen Neben-
gebäude interessieren uns weniger, daher
suchen wir, was an der Kirche vom ro-
manischen Bau noch vorhanden, zusammen,
um uns einigermaßen ein Bild dieses
Baues machen zu können. Von diesem
Bau sind vier Theile erhalten: nämlich
Neste eines Qnerschisfs, die sogenannte
Krypta, ein Theil der westlichen Giebel-
mcmer der Kirche und vor derselben, an
sie anschließend, die Vorhalle, das soge-
nannte Paradies.

Zn beiden Seiten des jetzigen spätgo-
tischen Chors befinden sich zwei nicht
sehr hohe Seitenhallen, mit Kreuzgewölben.
Die eine öffnet sich gegen den Chor mit
dem Triumphbogen über dem Grabmal
Bernhards von Baden. Die andere aus
der Epistelseite ist geschlossen durch eine
Wand und dient als Sakristei, hat gegen
den Platz um den Chor ein reiches Maß-
wertfenster. An der andern zeigt sich außen
am Giebelgemäner noch ein Rundbogen.
In der Oberamtsbeschreibnng von Neuen-
bürg werden diese beiden Seitenhallcn
als Reste der Seitenschiffe bezeichnet.
Man wird sie aber richtiger als die Reste
(etwa Kapellen wie in Maulbronn) eines
höheren Qnerschisfs betrachten dürfen, vor
denen sich im ursprünglichen eigentlichen
Querschiff der Lettner herüberzog, der
Chor und Langhaus trennte. Der ur-
sprüngliche Chor war wohl auch hier wie
in Citeaur, Maulbronn, Bebenhansen
quadratisch und geradlinig geschlossen.

An der Seite der jetzt als Sakristei
dienenden Seitenhalle, also ans der Süd-
seite, wo ursprünglich das Klostergebäude
an die Kirche sich anschloß, befindet sich

ein jetzt als Keller dienender räthselhaster
Raum, gewöhnlich als die ehemalige Krypta
bezeichnet. Dieser Raum ist überspannt
von zwei Kreuzgewölben mit bereits stark
profilierten Rippen und zwei Rosetten-
Schlußsteinen. Der Gurtbogen, der die
zwei Gewölbe scheidet, ruht auf starken,
aus der Wand heransragenden Kämpfern.
An einer Seite ist in die Wand wie in
der Sakristei ein Weihwasserbecken mit einem
Kopfe eingelassen.

(Fortsetzung folgt.)

Aus der Münchener Ausstellung

möchten wir nur Ein Kabinetstiick hervorheben,
welches wegen seiner Kleinheit manchem Besucher
entgehen möchte, aber wegen seiner Feinheit Auf-
mcrksamkeit und Bewunderung verdient. Es ist
das ein von der Firma Wehrte u. Cie. in Pforz-
heim zur Ausstellung gebrachtes Kruzifix zum
Hängen oder Anhängen, aus purem Silber mit
theilweiser Vergoldung, 14 cm lang, 9,5 cm breit,
einen Werth von 1200 M. repräsentirend. Als
Stil wurde die ganz reine Renaissance gewühlt,
ohne jegliche Beimischung späterer Elemente. Die
Stäbe, von gedrehten Silberschnürchcn eingefaßt
und mit ciselirtem Ornament belegt, haben hiibsche,
an den Außenseiten mit Knöpfchen besetzte Paß-
enden, welche vorn Engelsköpfchen ausfüllen;
auf der Rückseite sind sie mit Emailschmuck aus-
gelegr. ‘ In der Mitte ist zwischen die sich kreuzen-
den Stäbe ein Vierpaß gelegt, mit feinster Email-
ausstattung, in sehr lebhaften Formen; auf der
Rückseite bildet dieser Vierpaß eine verschließbare
Reliqnienkapsel. Von hoher Vollendung ist der
Krnzifixus selbst, anatomisch meisterhaft behan-
delt, zu geistigem und religiösem Ausdruck heraus-
gearbeitet, soweit nur immer die Kleinheit des
Bildes es gestattete Als Ganzes macht das
Kreuz deßwegen beste Wirkung, weil eine gewisse
Energie der Konstruktion, eine solide Kraft des
Baues mit Zierlichkeit und Reichthnm der Orna-
mentik glücklich und harmonisch vereinigt, weil
das nicht sparsam verwendete Edelmaterial in
seinen Glanzeffekten durch Oxydirnng und Vergol-
dung einzelner Theile weise beherrscht und geord-
net und durch die Kunst eigentlich durchgeistigt
erscheint. Der Stilkenntniß und der Stilkonse-
quenz des Zeichners und Modelleurs, welcher
seine Formen ganz der Natur des Edelmetalls
anpaßte, gieng hier zur Seite ein technisches Ver-
mögen und eine Sorgfalt der ansführenden Kräfte,
welche Staunen erregen. Das Kreuz ist käuflich
und eignet sich für ein Sterbekreuz, Reliquien-
kreuz, auch als bischöfliches Pektorale. Wir hätten
sehr gewünscht, es wäre in die vatikanische Aus-
stellung unter die Jubiläumsgeschenke gekommen.
Es hätte dort Rivalen angetroffen, die es an
Pracht und materiellem Werth übertroffen hätten,
aber kaum solche, die ihm an stilvollem Geschmack
vorgegangen wären. Keppler.

Stuttgart, Buchdruckern der Akt.-Gcs. „Deutsches Volksblatt".
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