Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 74
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Ringen umschlossen. Das Ganze macht
einen sehr zierlichen und dabei ruhigen
Eindruck, obwohl die Dimensionen der
Fensteröffnungen nicht ganz gleich sind.
Die Höhe beträgt bei allen 2 m, dagegen
die Breite ist verschieden, bei einem 1,20 m,
bei den zwei andern 0,95 m.

Auf der Westseite, der Schanseite des
Paradieses, befindet sich ein einfaches roma-
nisches Portal, dem andern in der Kirchen-
fa^ade nicht genau gegenüber, mit einfacher
Abtreppung und Rundstab. Auf der Stein-
platte des Tympanons sind drei rosetten-
artige romanische Ornamente und unter
ihnen auf dem Thorstnrz die Worte ein-
gegraben :

Ad portam vitae fratres properanter
adite

Qui sunt condigni, nunc intrent corde
benigni.

Zn Seiten dieses Portals ist wiederum je
eine gekuppelte romanische Fensteröffnung,
je 2 nr hoch und 1 m breit, in der Säu-
lenstellnng aber rtocf) zierlicher als die drei
andern, indem hier in der Theilung je 6
Säulchen, in zwei Dreiecke gestellt, stehen.
Der Sockel hat Eckblätter, die kelchförmigen
Kapitale leichte Blattverzierungen. Einige
der Säulchen sind renovirt. lieber dem
Ganzen erhebt sich ein nachher zu beschrei-
bender gothischer Giebel. Die Oberamts-
beschreibung bezeichnet nun dieses Para-
dies als Theil eines Kreuzganges. Aber
der Kreuzgang eines Klosters befindet sich
ja stets im innern Klosterhofe und nicht
an der Außenseite der Kirche oder des
Klosters. Man wird darum dabei bleiben
müssen, daß es eine eigentliche Vorhalle
gewesen und zwar, da die Mauern nieder
und keine Gewölbeansätze vorhanden, ein
Raum ohne Gewölbebau mit einer flachen,
auf Säulen ruhenden Decke, über welcher
im Dachraum mit dem großen spätgothi-
schen Fenster eine Empore oder ein Ora-
torium sich befand.

Das sind die Ueberreste der romanischen
Bauperiode, der Zeit der Gründung, nur
die sogenannte Krypta zeigt den Uebergangs-
bezw. bereits frühgothischen Stil, ist also
in der Einwölbung vielleicht 80—100 Jahre
jünger.

Dem Stile nach der prachtvollen Hoch-
gotik, der Zeit nach schon der Spät-
gothik gehört an das Grabmal des Mark-

grafen Bernhard I. von Baden. Derselbe
soll zwar in der Stiftskirche zu Baden-
Baden begraben sein, allein es herrscht
keine volle Gewißheit darüber. Dieses
Grabdenkmal macht trotz der Beschädigun-
gen, die es erlitten, einen großartigen Ein-
druck. Wir geben seine Beschreibung nach
dem Werke I. Näheres, Umgebung der
Residenzstadt Karlsruhe, wo Herrenalbs
rühmend gedacht wird: „Das außerordent-
lich großartige, im reichsten Schmuck der
Gothik meisterhaft ausgeführte Grabdenk-
mal nimmt die ganze Oeffnung der nörd-
lichen Seitenhalle bis zur Decke des Chores
eiu. Es stellte deu Markgrafen iu liegen-
der Stellung aus dem Sterbebett dar, wie
er in Agonie gesunken noch die Hände
zum Gebete faltet. An der Seite des
Kopfes halten zwei Engel den Helm, der
mit der Krone und den Bockshörnern ge-
ziert ist; ebensolche Engel sind in knieen-
der Stellung, den badischen Schild haltend,
zu den an einen ruhenden Löwen gelehnten
Füßen des Markgrafen dargestellt. Das
Postament (Paradebett), auf dem der Mark-
graf ruht, hat auf den Außenseiten zehn
geschmackvoll gehaltene Fensterzierden (d. h.
Nischen), in welchen einst Figuren aus
Bronce angebracht waren; denn man be-
merkt jetzt noch in den Nischen die für
die Steinbolzen uöthigen Vertiefungen.
Man vermuthet, daß hier einst die Dar-
stellungen der fünf klugen und fünf thörich-
ten Jungfrauen zu sehen waren (?). Am
oberen Rand des Postaments oder Parade-
bettes steht die kräftig eingemeißelte In-
schrift:

' Anno Oomini MCCCCXXXI tertio
mensis (heißt aber nonas) Maii obiit
illustris princeps Bernhardus, Marchio
de Baden. R. I. P.

Die schöne Figur, namentlich der Kopf
des Markgrafen mit den Engeln ist leider
sehr beschädigt und es soll diese Gewalt-
that erst in: Kriege von 1796 vorgekom-
men sein, als die Oesterreicher unter Erz-
herzog Karl von den Franzosen unter Mo-
reau von Loffenau aus hieher zurückge-
schlagen und deren Gefangene in die Kirche
eingesperrt wurden, lieber dem Parade-
bett erhebt sich ein im gothischen Stil ge-
haltener Triumphbogen, dessen Kanten mit
reichem Laubwerk (Lilien, von denen aber
nur etwa zwei noch ganz unversehrt) ver-
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