Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 75
DOI Heft: 10.11588/diglit.15864.43
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15864.44
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15864.45
DOI Seite: 10.11588/diglit.15864#0079
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1888/0079
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
75

ziert und in dessen Hohlkehlen auf der
Seite des Chores die 12 Apostel, ans der
Innenseite 12 Propheten, erkenntlich an
ihren Attributen und Beischristen, ange-
bracht sind. Auf den beiden, den Triumph-
bogen begrenzenden Fialen stehen die Sta-
tuen der Patrone des badischen Fürsten-
hauses: 1) des hl. Christophorns, 2) des
hl. Petrus, 3) in der Mitte die Mutter-
Gottes, rechts die hl. Barbara, links die
hl. Magdalena." Soweit Näher. Die
Oberamtsbeschreibnng erwähnt, daß nach
einer Urkunde noch im Jahre 1553 außer-
dem Grabdenkmal der Stifter Berthold und
Uta und Otto des Aelteren noch Eber-
steinische Grabdenkmale bestanden von Bern-
hard I. gestorben 1440, Agnes von Hel-
senstein y 1456, Wilhelm I. y 1385 und
seiner Gemahlin Margaretha y 1395, end-
lich das große Grabmal Wilhelms III.,
das, nach der Beschreibung zu schließen,
das Gegenstück von jenem Bernhards und
an der südlichen Seitenhalle befindlich war.
Darnach wäre der Chor prächtig flankirt
gewesen von diesen großartigen Grabdenk-
mälern. Vom Grabmal Wilhelms III. fin-
det sich aber leider keine Spur mehr. Das
herrliche Grabmal Bernhards I. scheint zu
der prachtvollen Stein-Ornamentik hin noch
bemalt gewesen zu sein, an dem stattlichen
Bogen mit seinem Lilienrand finden sich
Spuren von blauer Bemalung. Der Ein-
druck vom Chor aus ist leider durch eine
Steintreppe mit eisernem Geländer beein-
trächtigt, die in der Seitenhalle hart am
Grabmal zu den Seitenemporen hinaufführt.

Nach der Mitte des 15. Jahrhunderts
erhielt das Kloster in Abt Johann von
Udenheim einen bau- und kunstliebenden
Vorsteher. Unter seiner Amtsführung dürfte
wohl der jetzige Polygon schließende Chor
mit einfachen Strebepfeilern und spätgothi-
schem Netzgewölbe entstanden sein; letzteres
zeigt auf 3 Schlußsteinen verschiedene Wap-
pen, namentlich aber die Ebersteiner Rose.

(Schluß folgt.)

Die Vortragkreuze im Landkapitel
Ravensburg.

Wie das Dekanat Tettnang, über dessen
Prozessionskreuze das „Archiv" 1886 Nr. 10
und 11 interessante Mittheilnngen brachte,
so birgt auch das daranstoßende Dekanat

Ravensburg einen großen Schatz alter Vor-
tragkrenze. Es befinden sich daselbst vor
allem noch drei fast ganz unversehrt er-
haltene Kreuze ans der romanischen Zeit,
je mit Krnzifixus aus derselben Zeit, näm-
lich in Wolpertswende, Thaldorf und Gorn-
hofen, ebenso verschiedene ans der gothw
scheu bis zur Renaissancezeit.

1. Beginnen wir mit dem vielleicht älte-
sten in Wolpertswende, s. Fig. 2au, 2b.
Dasselbe stammt aus dem 12. Jahrhundert.
Nach Angabe der Beschreibung desOberamts
Ravensburg soll früher die Jahreszahl 1281
darauf gestanden sein, was aber dem Ein-
sender unwahrscheinlich vorkommt. Es ist
allerdings über dem Querbalken ein 3 cm
hohes Stück neu eingefügt; aber ober- und
unterhalb dieses Stückes sind auf der Rück-
seite Namen von Heiligen eingravirt, von
denen sich einst Reliquien im Kreuze be-
fanden. Es ist wohl kaum denkbar, daß
die Namen der Heiligen durch eine Jahres-
zahl unterbrochen waren. Das Kreuz be-
steht ans Kupfer und hat an den Ecken
quadratisch erweiterte Ansätze. Die Höhe
beträgt 38 cm, Breite 29, Breite des
Stammes 5, an den Enden 7 cm. Aus
der Vorderseite ist am Rande ringsum ein
12 mm breiter Streifen aufgenietet, die
Rückseite ist glatt. Aus dem erhabenen
Saume der Vorderseite ist durch eingra-
vierte, meist sich kreuzende Linien eine ein-
fache Verzierung hergestellt, ähnlich ist auch
die Rückwand eingefaßt; aus letzterer be-
finden sich außerdem noch einfache, durch
eingravirte Sterne, im Zickzack laufende
Bandverschlingungen re. hergestellte Ver-
zierungen, und ebenso eine Inschrift in
großen lateinischen Buchstaben, H von wel-
cher leider wegen Neneinfügung eines
Stückes oberhalb der Vierung einige Zeilen
fehlen. Die Inschrift heißt, soweit die
Entzifferung gelang: Inic continentur

Reliquiae s. de lin . . . D. (Domini) de
coma et de lie . . . V M. (Virg. Mariae?)

. . . Christinae V(irginis) et alia(rum)
V(irginum), Georii (Georgii) Nicolai et
Alberti (?). Auf den quadratischen Er-
weiterungen der Ecken befinden sich große,
ovale, mit einem Perlkranz umgebene Oeff-
nungen, in denen sich wohl früher Glas-

0 Häßler nenntirrthümlich die Schrift,Zeichen
„in der Hauptsache griechisch" (Württb. Jahrb.
1862, SÜ118).
loading ...