Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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des Körpers ein Mittelding zwischen Hoch-
und Flachrelief, die Draperie von edler Ein-
fachheit, weder entschieden die einer stehenden,
noch einer liegenden Figur. Zu Häupten
sind zwei Löwen, am Fußende zwei Hunde
und zwei Wappenschilde angebracht.H Die
Arbeit ist eines Meisters wie Jakob Ruß
würdig. Seine Urheberschaft angenommen,
erklärt sich ganz ungezwungen sowohl der Wort-
laut der Ortlieb'schen Bestellung: „soll mir
ain Epitafsinm hawen", als der Preis, zumal
wenn, was sehr wahrscheinlich, der Bischof
selbst den übrigens sehr billigen, weil in der
Nähe brechende::, Marmor lieferte. Auch
der Umstand, daß dem Sarkophag jede In-
schrift fehlt, (nur die Zahl 1491 ist nachträg-
lich bloß mit einem Messer eingekratzt) spricht
für die Annahme, dasselbe sei noch zu Leb-
zeiten des hohen Bestellers gefertigt worden.
Ein Jahr zuvor, 1484, wurde unter Bischof
Ortlieb das Sakramentshaus des Domes
vollendet. An ihm rühmt Burkhardt, der
Beschreiber des Domes von ChurZ) bezüg-
lich der Komposition Uebersichtlichkeit und
Harmonie, schönes Laubwerk, die für diese
späte Zeit fast völlige Reinheit des ornamen-
talen Details, die gute Ausführung der Sta-
tuetten von Maria, Lucius, Florinus, Petrus
und Paulus und vermnthet, daß dieses Mei-
sterwerk von dem ihm unbekannten Verferti-
ger des Ortlieb'schen Grabmales herrühren
könne. Ruß als solchen vorausgesetzt, müßte
eine genaue, mir zur Zeit nicht mögliche Ver-
gleichung des Sakramentshauses mit dem
Hochaltar entscheiden, ob dem Ruß auch erste-
res wenigstens zum Theil zugeschrieben wer-
den dürfe, das dann bejahenden Falles sein
ältestes Meisterwerk nach dem heutigen Stand-
punkt der Forschung wäre. Besser als solche
immerhin etwas unsichere, weil subjektive Be-
urtheilungen und Vergleichungen wäre die
Auffindung Ausschluß gebender archivalischer
Dokumente. Bis jetzt sind keine beigebracht
worden.

Das erste zweifellos sichere Werk von Ja-
kob Ruß' Meisterhand ist der Hochaltar
im Dome zu Chur. Leider ist der Oberbau
etwas beeinträchtigt durch die Niedrigkeit des
Chores und die beim Neubau des Altares
belassene ziemlich hohe alte steinerne roma-
nische Mensa ans dem 12. oder 13. Jahr-
hundert.^) Aber trotzdem zählt er zu den

1) Abbildung und Beschreibung in „Mitthei-
lungen der antiquarischen Gesellschaft in Zürich",
Bd. XI. H. 7 (Jahrg. 1857).

2) a. unter Z. 1 a. O. (Mittheilungen re.).

3) Chor und Hochaltar wurden den 2. Juni
1178 eingeweiht. Eine spätere Einweihung im
Jahre 1265 behauptet Nüscheler, Gotteshäuser
der Schweiz 1. 44.

hervorragendsten Werken dieser Art sowohl
nach der Großartigkeit der Anlage („eine
ganze Welt von heiligen Gestalten"), als der
Meisterschaft der Durchführung. Der Pre-
della itnd der Rückseite des Schreines ist die
Passionsgeschichte zugetheilt; an jener vorne
Christus am Oelberg, Geißelung, Dornen-
krönung, dazwischen vortretend die Figürchen
von drei Patriarchen; an der Rückseite Pilati
Händewaschnng, Kreuztragung tlnd Kreuzi-
gung, an den Schmalseiten ein Kriegsknecht
und Christus als Gärtner; an der Rückseite
des Schreines ans blauem Grunde die Kreu-
zigung in vollständigen, an die Fläche an-
genieteten Figuren, Christus, die Schächer,
Kriegsknechte, Schriftgelehrte u. s. w. Der
Schrein selbst, von reichen Fialen flankirt
und im oberen Abschluß mit der üppigsten,
spätgothischen Dekoration ausgestattet, ist der
Verherrlichung der Gottesmutter und der
Schutzheiligen des Bisthnms gewidmet. Vor
einem rothgoldenen, durch acht Engelein ge-
haltenen Teppich sitzt in der Mitte ans dem
Throne über einer Gruppe musizirender Engel
Maria, dem göttlichen Kinde eine Birne
reichend, während zwei Engel eine Krone
über ihrem Haupte schwebend halten. Zu
ihrer Rechten stehen die Patrone St. Eme-
rita und Lucius, jur Linken St. Ursula und
Florinus. Auf der Falzseite, welche bei ge-
schlossenen Flügeln die Mitte einnimmt,
findet sich oben die Statuette Christi (des
Auferstandenen), nackt mit nmgehängtem
rothem Mantel.

Bei geöffnetem Schrein sieht man ans dein
linken Flügel (vom Beschauer aus) St. Oth-
mar und Gallus, ans dem rechten Sigibert
und Placidus in Hochrelief vor rothgoldenen,
je von drei Engeln gehaltenen Teppichen.
Auf der Außenseite derselben ist die Geburt
Christi und die Anbetung der drei Weisen
gemalt, eine mittelmäßige oberdeutsche Arbeit
unter Benützung flandrischer Motive, vielleicht
gleichfalls von einem Ravensburger Künstler
gefertigt.* 2 3 *) lieber dem Schreine erheben sich

*) Schwäbische Künstler fanden Ende des 15.
und im Anfang des 16. Jahrhunderts häufig
Beschäftigung in der Schweiz, zumal in Grau-
bündeu. So z. B. vollendete im Jahre 1506
Ivo Strigel aus Memmingen (»civis jam
dudum in Memmingen imperiali«), Glied dieser
hochgeschätzten Künstlerfamilie, (Johann 1442,
später Klaus Wolf, vielleicht dessen Sohn, dann
der neuerdings durch Bodcks und Vischer's For-
schungen bekannt gewordene Bernhard 1460 bis
1528) den Hochaltar der St. Sebastianskapelle
in Igels (die Inschrift s. bei Nüscheler, Gottes-
häuser der Schweiz I. 68). Schon im Jahre
1501 hatte der gleiche Künstler den Altar in
Reams geliefert, der jetzt in Winterthur steht.
Auf dem Flügelaltar der Pfarrkirche zu Tinzeu
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