Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 80
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zwei je dreitheilige, reiche, durchsichtige Taber-
nakel. Der untere größere enthält in der
Mitte Mariä Krönung durch die hl. Drei-
faltigkeit, in den Seitentheilen die Stand-
bilder von je drei hl. Aposteln, der obere
kleinere, sich verjüngende, wieder die hl. Drei-
faltigkeit, seitlich die knieeuden Figuren von
Maria und Johannes dem Täufer als Für-
bitter bei dem jüngsten Gericht?)

Ans vorstehender Schilderung geht hervor,
daß man bei aller Anerkennung der Fülle
und des Reichthnms der Komposition die
Behauptung Lübke's2) als zu weitgehend be-
zeichnen muß, wenn er sagt, der Altar in
Chur fei „eines der vollständigsten und ent-
wickeltsten Werke dieser Art, das von der
Passion bis zur Krönung der Jungfrau den
ganzen Cyklus der hl. Geschichten in
sinniger Weise umfaßt und zur Verherrlichung
der Madonna verbindet". Zu einem solchen
Cyklus würden mindestens auch die Himmel-
fahrt Christi und die Geistessenduug gehören.
In Wahrheit ist die Idee, welche dem großen
Werke und zwar, wie auzuuehmen, nicht von
dem Meister, sondern von dem Besteller, dem
Domkapitel, zu Grunde gelegt wurde, die
Ehrung der Gottesmutter, welcher der Dom
als der Hauptschutzherrin (patrona primaria)
geweiht ist, und die der Bisthumspatrone.
Darum ist jener im Centrum des Altarbaues
die Ehrenstelle eingeräumt und sind ihr eben-
daselbst diese Patrone beigesellt; darum er-
scheint Maria noch dreimal am Altäre ange-
bracht, in kleiner Figur int Abschluß des
Schreines, vom Erzengel Gabriel gegrüßt,
zur Seite zwei Propheten, daun über diesem
als gekrönte Hiuuuelskönigin und schließlich
im obersten Tabernakel als Fürbitterin der
Christenheit am Ende der Tage. Die Scenen
aus der Passion mochten beigefügt werden,
weil auf dem Altäre, unmittelbar vor der
Predella, wo die meisten derselben sich besin-

iu Graubünden findet sich die Inschrift,,Joerg
Kendel, mauller von Biberach" unb die Jahr-
zahlen 1531 und 1535. Wahrscheinlich hat er
das jüngste Gericht auf der Rückseite gemalt.
(Gef. Mittheilung von Hrn. Pfr. G. Maier in
Oberurnen.)

? Burkhardt in den angefiihrten „Mitthei-
lungen" und nach ihm meist wörtlich Allgeier
int Korrespondenzblatt des Gesammtvereines der
deutschen Geschichts- u. Alterthumsvereine 1888,
Nr. 5, S. 54. — Photographieeu des Altares
in Folio sind zu 3 Frcs., solche des Mittel-
schreines, 17 qcm groß, zu 2 Frcs. bei Photo-
graph C. Lang in Chur zu haben.

2) Grundriß der Kunstgeschichte II. S. 265.
In seiner „Geschichte der Plastik" S. 539 ist
die Darstellung eine richtigere.

den, in der hl. Messe das blutige Versöh-
nungsopfer Christi vergegenwärtigt wird.

Bei dem Umfange der Arbeit, zu welcher
eine Anzahl Gehilfen beizuziehen war, kann
cs nicht auffallen, daß die Arbeit des Ganzen
ungleich ist. Vor allem die etwas stumpfen
Engel sind, wie auch das Altargehäuse, wahr-
scheinlichst Gehilfenarbeit, ebenso diePassions-
sceneu, welche nach dem Urtheile Burkhardts
zwar kecken, frischen Geist athmen, aber mangel-
hafte Ausbildung verratheu. Die Skulpturen
des Schreines, der Flügel und Tabernakel,
sorgfältig gearbeitet, sind eine reife Frucht
des oberdeutschen Stiles, die Gestalten, wie
damals überhaupt in Schwaben üblich, etwas
untersetzt; die Köpfe der jugendlichen und
weiblichen Figuren aber von einer Schönheit
und Holdseligkeit, daß sie unbedenklich zu
den vorzüglichsten Erzeugnissen der schwä-
bischen Schule jener Zeit gerechnet werden
dürfen.

Besondere Beachtung verdient auch die
kunstvolle Fassung. Das ganze Werk ist
durchweg polychromirt: roth, blau, grün
schlagen vor, im Inneren die Vergoldung;
die nackten Pheile sind naturgemäß uuancirt.
Was den Werth der Arbeit aber besonders
erhöht und sie zu einem Muster und Vor-
bild ersten Ranges für Studien von Faß-
malern macht, das ist ihre wunderbare, seltene
Erhaltung fast in allen Theilen; nie bedurfte
der Altar zu seinem Glück seit den nahezu
vierhundert Jahren seines Bestandes einer
zweiten übermalenden oder vergoldenden Hand.
Wie werden die Farben und Vergoldungen
unserer Faßmaler in vierhundert Jahren oder
viel früher aussehen? —

Als Besteller des Hochaltares erscheint,
wie schon oben beiläufig bemerkt worden,
urkundlich das Domkapitel von Chur. Wann
Jakob Ruß mit der Arbeit begonnen, ist
ungewiß. Jedenfalls mehr als ein Jahr aber
vor ihrer Beendigung entstand zwischen ihm
unb dem Domkapitel ein Streit hinsichtlich
der Bezahlung. Welche Umstände ihn her-
beigeführt, muß, da die diesbezüglich gewech-
selten Schriftstücke nicht mehr epistiren, dahin-
gestellt bleiben. Der Meister scheint während
dieser „Späne und Irrungen" seine Arbeit
entweder zeitweilig eingestellt oder wenigstens
verzögert zu haben.

(Fortsetzung folgt.)

Mit zwei Beilagen:

1. Vortragkreuze aus dem württemb. Oberland,

2. ein Prospekt der Her der'scheu Verlags-
Handlung in Frei bürg i. Br. über Kunst-
literatur.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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