Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Archiv für christliche Nunst.

Grgan des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Kunst.

Oerausgegeben und redigirt von Professor Dr. Keppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Aunstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Nr. Keppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die württemb. (M. t. 90
im Stuttg. Bestellbezirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Reichspostanstaltcu,
st. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden tOQQ
40. auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags lOÖÖ«
direkt von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstrahe 94,
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

Deutschlands Riesenthürme.

Von Stadtpfr. Eng. Keppler in Frendenstadt.

„Weil sie auf zur Sonne streben,

Ist ihr Wachsthnm gar so jach!"

„Man muß zugeben, daß die Thürme
unserer mittelalterlichen Kirchelt bei dein
Volke einer sehr lebhaften und tiefgehenden
Bewunderung begegnen. Die Kühnheit dieser
sich scheinbar in den Himmel hinein ver-
lierenden Pyramiden, ihr malerisch vom
blauen Hintergrund sich abhebendes Bild
verfehlt nie den mächtigsten Eindruck auf
die Menge, welche in unserem Lande durch
offenen Sinn sich auszeichnet für alles,
was Anstrengung des Denkens, was eine
kraftvoll ausgesprochene Idee verräth."
Dieses Zeugnis stellt Viollet-Le-Dnc
sOictionn. de PArchitect. art: Fleche)
seinen Franzosen aus, während Dohme
(Gesch. der deutsch. Baukunst, S. 201)
von seinen Lands lenken ebendasselbe
zu rühmen weiß: „Unverkennbar wendet
sich die Volksphantasie in unserem Lande
diesem Bautheil mit Vorliebe zu." Wir
glauben — nach dem mit Reckt ganz all-
gemeiil lautenden Satz des alten Niccolini:
Ogni movimento che tenda all’ alto ci
riempie di lieta maraviglia = jede Be-
wegung des Anfstrebens erfüllt uns mit
freudigem Erstaunen — wir glauben, daß
die Freude an himmelhohen Thürmen, das
wohllustvolle Grausen, durch sie sich empor-
ziehen zu lassen, von Natur überall gleich
stark vorhanden ist, wenn auch selbstver-
ständlich nicht jedes Land gleich viele und
gleich bevorzugte Gegenstände anfznweisen
hat, die diesem Hange Nahrung bieten.
Der kalte Engländer kann nicht wärmer
an seiner Pyramide von Salisbury hängen,
die als ein Denkmal alter katholischer Ein-
heit herabschant ans das von Sekten zer-
nagte Land, als der warmblütige Wiener
an seinem Stephansthurm: und dem Fran-

zosen kann der höchste unter seinen monu-
mentalen Thürmen, der Riese von Chartres,
nicht mehr am Herzen liegen, als dem
Deutschen der Freiburger, der niederste
unter unseren „fünf", aber an Leichtigkeit
des Aufsteigens, sowie an klarer, reiner
Ausführung ein unübertroffenes Muster.
Wenn Viollet-Le-Dnc (a. a. O. S. 434)
erzählt, daß die wegen Baufälligkeit noth-
wendig gewordene Abtragung des Thnrmes
von St. Denis von der ganzen Umgegend
wie ein öffentliches Unglück empfunden ward,
so würde auch hier zu Lande die Kunde
von der etwaigen Unausführbarkeit des
Ulmer Münsterthnrmes gewiß nicht weniger
schmerzlich berührt haben: wie umgekehrt
sich jeder richtige Schwabe um ein gut
Theil mehr werth däucht, seit feststeht, daß
vor der Größe des Ulmers sich nächstens
alle Thürme der Welt neigen werden, wie
die Garben der Brüder vor Josephs Garbe!

Mit Obigem wollen selbstverständlich die
Bauten von Wien und Salisbury nicht in
ein inneres Verhältniß zu einander gestellt
werden. Auch kann der alte Thurm von
Chartres trotz seines unzweifelhaft hohen
künstlerischen Werthes dem Freiburger
Münsterthnrm die Spitze nie bieten — wie-
wohl Viollet-Le-Dnc (a. a. O. S. 434)
so etwas zu behaupten scheint, wenn er
schreibt: „Welches auch die Kühnheit und
Leichtigkeit der Thürme von Freiburg, Salis-
bury und Wien sein mag, es ist doch ein
weiter Abstand von den Schöpfungen dieser
Art zu den französischen Baudenkmälern
des zwölften Jahrhunderts, die durchgängig
in sparsamer Anwendung von Schmuck,
feinem Verständniß für Silhouette und
vollkommen durchdachtem Aufbau Großes
leisten." — Ja freilich ist ein weiter Ab-
stand — es ist sogar ein grundwesentlicher
Unterschied — und so wesentlich verschiedene
Dinge kann man nicht unmittelbar zu ein-
ander ins Verhältniß setzen, so wenig als
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