Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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sprucht für sich auf Kosten des Ganzen
selbständige Geltung. In diesem unüber-
sehbaren Reichthum der einzelnen Bildun-
gen ist jedes Glied in lebendigem Zusam-
menhang mit dem Ganzen und gehört ihm
mit innerer Nothwendigkeit an — wenn
nicht, wie in Freiburg, der reiche plastische
Schmuck in die Thnrmhalle verlegt und
dadurch auf jeden Antheil desselben an
der allgemeinen architektonischen Wirkung
verzichtet ist. (Vergl. Bode a. a. O. S.
77.) Es versteht sich von selbst, daß die
gerühmten Merkmale nicht allen fünf
Prachtthürmen gleichmäßig, und auch nicht
jedem Theile derselben in gleich hohem
Grade zukommen. Aber es ist nicht einer
derselben, der nicht wenigstens in seiner
Hauptpartie in der angegebenen Richtung
hochbedentsam wäre. So ist die obere
Hälfte des Freiburger Münsterthurms gewiß
das klarste und konsequenteste Werk der
Gothik, aber sie hat an ihrem Unterbau
keine nothwendige Vorbedingung und
Vorbereitung; dieser stellt sich mit seinen
schlichten Massen als tragender Sockel dar,
was an sich zwar kein Fehler, aber dem
Gesetz der deutschen Gothik von der stetig
fortschreitenden Entwicklung nicht gemäß
ist. Doch ist zu bemerken, daß alle Theile
und zwar schon von unten zu einander
wenigstens in's Verhältn iß gefetzt sind,
so daß das Auge nichts auszusetzen weiß
und sich für vollständig befriedigt erklärt.
Umgekehrt zeigt der untere Theil der
Straßburger Fassade bis zur großen Rose,'
und noch über sie hinaus, einen so ein-
heitlichen Guß und Fluß, wie ihn sonst
nur noch ihre jüngere Schwester am Un-
terrhein, wiewohl von anderer Art, auf-
weist ; „dies Werk (sagt Görres), in sei-
ner Speisung wohlgemischt, in allen seinen
Formen wohlgelungen, tönt wie eine im
Gusse glücklich gerathene Glocke überall,
wo man es anzuschlagen versucht, die innere
Harmonie seines ganzen Wesens in Wohl-
laut aus" — während darüber hinauf,
wo Erwin's Spur aufhört, nur rasch und
scharf abbrechende Wechsel unangenehm
sich bemerklich machen und die einzelnen
Theile, lose und oberflächlich mit einander
verbunden, statt einer genetischen Entwick-
lung, nur eine äußerlich - geschichtliche
Reihenfolge darstellen. Doch ist zu be-
merken, daß jenes Stückwerk von der will-

kürlichen Umbildung des ursprünglichen
Planes herrührt, und daß, wenn dieser,
wie er dem Geist des Meisters entsprang,
so auch ausgeführt worden wäre — mit
den zwei von der Rosette an gesondert
aufsteigenden und über dem dritten Stock-
werk in durchbrochene Pyramiden aus-
lausenden Thürmen — ein so einheitlicher
Kunstbau zu Stande gekommen wäre, als
er nur irgendwo von Menschenhänden
aufgeführt worden ist.

Nun wird es der einsichtige Leser cum
grano salis verstehen, wenn wir sagen:
Alle diese Thürme, der Straßburger in
seinem mustergiltigen Theil, die 4 übrigen
in ihrem Ganzen sind ausgezeichnet durch
Einheit des Gedankens, durch' die gesetz-
mäßige Entwicklung, welche aus so vielen
Einzelheiten ein Ganzes, aus den ver-
schiedensten Formen eine einzige- Form
geschaffen, deren unzählige Glieder einan-
der entsprechen, sich verketten, aus einan-
der hervorwachsen, zu gemeinsamer Wirk-
ung einträchtig zufammenstimmen und
gleichsam zu Einem lebendigen Leib ver-
schmelzen. Die Grundverhältnisse, ans
denen all die Pracht und Herrlichkeit er-
wächst, sind einfache, wie denn alles wahr-
haft Große im Grund einfach ist. Man
lese die nüchterne Darlegung Ottcks: „Die
Thürme, in ihren verschiedenen Stock-
werken mit großen Fenstern versehen, er-
heben sich in mehreren viereckigen Ge-
schossen, ans deren Masse sich verjüngende
Strebepfeiler hervortreten, welche in
Spitzsäulen ausgehen. Das Obergeschoß
setzt in das ähnlich von Spitzsäulen um-
gebene Achteck um, und über demselben
steigt, gänzlich aus durchbrochenem Maß-
werk bestehend, der schlanke achteckige Helm
empor, mit einer mächtigen Kreuzblume
auf seiner Spitze." Alle diese Verhältnisse
ausis mannigfaltigste getheilt und abge-
stuft, durch zahlreiche Uebergänge in
einander übergeleitet, auf die kunst-
reichste Weise zusammenkomponirt bilden
nun die Melodie und die Harmonie
des ganzen Werkes; das Emporwachsen
in immer schlankeren Stockwerken bewirkt
die reizvolle Verjüngung; die lebendig
wirksame Auflösung und Durchbrechung
der Massen die Leichtigkeit und Durchsich-
tigkeit; das Aufsprossen der frei werden-
den Theile in gesonderte Spitzen die
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