Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 93
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sanfte Wellenlinie der Umrisse; all dies
zusammen das luftige und duftige Wesen
des ganzen Baues, das in dem Beschauer,
welcher ihn gleich in großen Massen über-
blickt, jene tiefe wundersame Rührung er-
weckt, die, weil aus tausend harmonischen
Einzelheiten hervorgegangen, sich wohl ge-
nießen, keineswegs aber vollkommen er-
kennen und erklären läßt. „Was aber
überwiegend die Art und Weise dieser
Rührung bedingt (sagen wir mit Görres)
ist der Ausdruck von Einfalt, Größe und
Erhabenheit, herrschend inmitten der reich-
sten Fülle." Was gibt endlich jenen be-
flügelten Massen Festigkeit? Ein tief-
durchdachtes, mächtig entwickeltes System
vorgelegter Strebepfeiler •— der deutsche
Thurmbau ist wesentlich Strebebau. Aber
obwohl das Stützende, Tragende am
Ganzen, beschweren sie dasselbe nicht,
werden vielmehr auch von der lebendig
aufstrebenden Bewegung, die in dem In-
nern waltet, ergriffen. Sie stufen sich
geschoßweise ab, sie empfangen taber-
nakelartige Krönungen über den einzelnen
Stufen; sie gewinnen hiemit den Anschein
eines Ueberschusses an Kraft, der in jedem
Theil den Fuß des folgenden umkleidend
selbständig emporsteigt, so daß das Auge,
wenn es den Thurm an der Diagonale
betrachtet, überall diese Stufen hinaneilend,
den Eindruck einer von unten bis zum
Gipfel sich stetig verjüngenden Pyramide
bekommt. (Fortsetzung folgt.)

Tobtenleuchten.

Vom 13. Jahrhundert an läßt sich der
schöne Gebrauch verfolgen, auf den Kirch-
höfen Tag und Nacht oder wenigstens die
Nacht hindurch ein Licht zu brennen. Zur
Aufnahme desselben errichtete man in der
Mitte des Kirchhofs ein steinernes Thürm-
chen oder eine runde oder eckige Säule,
auf welcher ein kleines Lichtgehäus ange-
bracht war. Zu letzterem vermittelte, wenn
es Manneshöhe überragte, entweder eine
Steintreppe oder eine Leiter den Zugang,
oder es war im hohlen Schaft eine Auf-
zugsvorrichtung angebracht, daß man von
unten das Licht bedienen konnte. Diese
Todtenlaternen, Todtenleuchten, Armen-
seelenlichter waren im südlichen und west-
lichen Deutschland weit verbreitet; die noch

erhaltenen stammen aus dem 13.—16. Jahr-
hundert ; von da an scheinen keine neuen
mehr errichtet worden und die alten, weil
Wind und Wetter ausgesetzt, ihrer Mehr-
zahl nach in Abgang gekommen ;u sein.
Die ältesten noch erhaltenen finden sich
in Schulpforta (1268) und in Regen-s-
burg neben dem Dom, beide dem früh-
gothischen Stil angehörig. Die schönste
Todtenlaterne ist die in Klosterneuburg *)
von 1381, nicht weniger als 9,50 m hoch
und mit sechs Reliefs aus der Leidensge-
schichte geschmückt, ein Werk des Michael
Tutz. Die in S ch w a z ist wohl die einzige,
deren Licht heute noch brennend erhalten
wird. Theilweise brachte man diese Todten-
laternen auch an der Kirchenwand an, wie
in Bogen an der Pfarrkirche, oder man
verband sie mit dem Karner, dem Beinhans,
wie bei der Katharinenkirche in Oppenheim,
wo sie sich schön aus der Wand des
Karners herausbaut und vom Innern der
Kapelle ans auf kleiner Steintreppe zu-
gänglich ist?)

Die Todtenlichter an der Pfarrkirche von
Bozen weisen aber bereits aus eine später
eingetretene weitere Anwendung und Ver-
mehrung der Todtenlaternen hin; von der
Aufstellung Eines Lichtes für den ganzen
Kirchhof gieng man nämlich dazu über,
einzelne Gräber mit eigenen Armenseelen-
lichtern zu bedenken und durch eine Stif-
tung dafür zu sorgen, daß dieselben bren-
nend erhalten werden?) So sind auch die
Laternen an der Pfarrkirche von Bozen
für einzelne Gräber gestiftet; auch am
Schreyerschen Grab an der Sebaldkirche
in Nürnberg von 1508 ist auf gewundenem
Steinarm eine eiserne Laterne angebracht
und an St. Stephan in Wien zählt man
10 solche private Todtenlichter.

Ursprung und Bedeutung dieser Kirchhvf-
und Grablaternen ist nicht schwer zu er- * 2 * * S.

0 Abbildung in den Mittheilungen der Königl.
Ccntralkommission in Wien VII (1862) 317.

2. Abb. a. a. S. 220.

2) Abb. a. n. O. S. 229.

3) Auf dem Epitaph des Hieronymus Winkel-
hoser (f 1538), früher in der Michaelskapelle,
jetzt in einer der nördl. Seitenkapellen der Stadt-
kirche, wird dieser ausdrücklich als „ewig liechts
stiffter“ bezeichnet. Vgl. Hehle, Patrizierfamilie
der Winkelhofer, Württbg. Viertcljahrshefte 1880

S. 135 Anm. - Ebenso brannte 1429 auf dem
Grab des Hans Stöckli» am Münster in Ulm
ein ewiges Licht (Presset, Ulm und sein Münster 37).
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