Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 96
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bei dem (nicht mehr vorhandenen) Karner,
stand, dann in der Kirche anbracht wurde

und diesem Ob-
dach ohne Zwei-
fel ihre Erhal-
tung dankt.

Wie die vor-
stehende, im
Maßstab von
1il2o gefertigte
Abbildung zeigt,
hat diese Todten-
laterne ganz den
Bau eines gothi-
schen Bildstöck-
chenS; die Basis
ist nicht mehr
vorhanden, der
viereckige Schaft
1,30 m hoch, an
den Ecken abge-
fast ; er trägt
über einem
Rundstab und
einer Kehle die
Platte für das
Lichtgehänse,
das viereckig ist
und mit vier Giebelchen schließt, zwischen
welchen ein runder Kamin zum Rauchabzug
angebracht ist. Das Gehäuse ist aus der
Rückseite geschlossen und hat auf der Vor-
derseite eine im Spitzbogen geschlossene
Oeffnnng, die einst mit einem Eisenthür-
chen versehen war; die Klobenlöcher sind
noch zu sehen; auf den zwei Seiten sind
kleinere Oefsnungen im Spitzbogen mit
gothischen Nasen angebracht. Da die La-
terne bis zur Spitze nur ungefähr 2,5 m
hoch war, so konnte das Licht gut von
unten bedient werden und war Anfzugs-
vorrichtung nicht nothwendig. (Schluß s.)

Der Bildhauer Jakob Buß von
Bavensburg.

Von Pfarrer Karl Anton Busl in Bavendorf.

(Schluß.)

Ruß hatte übrigens, wie aus dem Wort-
laut des Vertrags hervorgehtZ) Risse und

tz „Vnd also sol vud wil ich die stuben machen
nach der Visierung vnd besser, soverr min Herren
das ansehen." Vorher: . . . „der statt arbeyt,
die zu machen in der form vud gestalt, wie Her-

Pläne bereits zuvor allsgearbeitet und muß,
nlll Allgeilschein an Ort und Stelle zu nehmen,
schon vorher sich vorübergehend in Ueberlingen
anfgehalten haben.

Beginn und Volleildnng der unlfassenden
Schnitzarbeit in der dortigen Ratsstube lassen
sich nur annähernd bestimmen; der Beginn
namentlich ist nicht genau festzustellen, nach-
dem oben aus dem Kompromißspruch Bischof
Ortliebs die bisher unbekannt gewesene That-
sache nachgewiesen worden, daß Ruß mit der
Vergoldung des Churer Altars nicht betraut
gewesen. Es kommen hier zwei Möglichkeiteil
in Betracht. War die Arbeit am Altar in
Chur schon sehr weit fortgeschritten und sollte
dessen Fassung erst nach Vollendung des
Ganzen in Angriff genommen werden, so ist
es lnöglich, daß Ruß, für seinen Theil in
der Zeit von Ende Januar bis Ende Mai 1491
in Chlir fertig geworden, sofort in Ueberlingen
beginnen koilnte und llnr zlir Aufstellung des
inzwischeil gefaßten Altares im Janilar 1492
auf kilrze Zeit ilach Chur zurückzukehren
brauchte. War er aber in Chur mit seiner
Schnitzerei so weit zurück, daß er noch ein
Jahr zur Vollendung benötigte, und hatte der
Faßmaler successive hinter ihm her Schreiil
und Bildwerk vergoldet und polychromiert,
so wird Rilß sanlint Gesellen erst nach dem
Januar 1492 die Arbeit in Ueberlingen be-
gonnen haben. Die Beendigung derselben
erfolgte im Laufe des Jahres 1494. In
Jakob Reutlingers von 1580 bis 1611 ge-
schriebenen Kollektaueen r) findet sich die Notiz:
„Item anno 1494 ward die zierlich und schön
ratstub ußgemacht. Dise jarzahl fündt man
in des hertzogen von Saphoy zedtl und
dann auch in dem zetdl bey Augsburg Wappen."
Roder2) verstand hierunter irrthümlich in
Reutlingers Zeiten zur Erklärung angeheftet
gewesene, später verschwundene Zettel, wäh-
rend Allgeier3) nachwies, daß diese Zettel
noch vorhandene, in Holz geschnitzte Bänder
seien, und die beit Abschluß der Arbeit kün-
dende Jahrzahl nicht beim Herzog (richtig
Grafen) von Savoyen und beim Augsburger
S-tadtwappen, sondern auf dem Band der
Statuette des Grafen von Schwarzenburg
sich findet: „Der Graf von schawartzburg
(sie!) MCCCCLCCCiiii." Die umfangreiche
Aufgabe hat also Jakob Ruß mit seinen Ge-
sellen in den Jahren 1491, beziehungsweise
1492 bis 1494 einschließlich gelöst.

nach begriffen ist, bestelt haben". Roder a. a. O.
S. 492.

0 Band XIII, S. 265; in der Leopold-Sophien-
bibliothek anfbewahrt.

2) A. a. O. S. 297.

s ) Korrespondenzblatt rc. Nr. 5. S. 55.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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