Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 98
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wurzelt und aus ihm Nahrung saugt, die
Zeit in gewissem Sinne aber auch über-
schattet und beherrscht. An ihren Gebilden
krystallisiert sich das Wollen und Können,
das Glauben und Lieben, das Hoffeil und
Ahnen, Leiden und Wehen, Tugenden und
Laster der einzelnen menschlichen Gene-
rationen.

Und wenn in der Weltgeschichte der Kunst
solche Stellung und Wichtigkeit zukommt,
welcher Ehrenplatz gebührt ihr erst in der
Kir ch e n g e s ch i ch te! Sehen wir irgend-
wo und irgendwann unsere hl. Kirche ohne
die Begleitung der Kunst? Sehen wir nicht
alsbald an dem Gewände, an welchem die
Kirche während ihres Erdenwalleus webt
und welches einst der Glorienmantel ihrer
Himmelfahrt werden soll, jene Fäden, welche
die Kunst eingewobeu hat, — wenn der
Grund dunkel und blutigroth ist, wie in
den Zeiten der Verfolgung, mit Vorliebe
goldene Fäden, gesponnen aus der Glorie
der Verklärung, Auferstehung, Himmel-
fahrt des Herrn und der himmlischen Selig-
keit, wenn der Grund licht und golden ist,
mit Vorliebe rote Fäden, gefärbt im Blute
der Passion und des Martyriums, oder
schwarze Fäden, dunkel wie die Wetter-
wolken des jüngsten Tages? Immer arbeitet
die hl. Kunst mit der Kirche zusammen,
nicht so säst als ihre Magd, sondern als
ihre Schwester und Lebensgenossin, von
ihr geehrt und geliebt und Liebe und Pflege
ihr tausendfach entgeltend, indem sie die
Kirche unterstützt in ihrem Missionswerk
und Lehramt durch ihre freundliche Bilder-
sprache und die zarten und milden Mittel
der Schönheit, indem sie die Kirche ver-
theidigt gegen die Anklagen der Glaubeus-
änderung, der Verwilderung und Verrohung.

Das ist die Bedeutung der Kunst für
die Weltgeschichte und für die Kirchen-
gefchichte.

Braucht da die Pflicht aus unserer Seite
noch besonders ausgesprochen zu werden,
die Pflicht der K u n st f o r s ch u n g o b-
zuliegeu? Alle, welche sich mit dieser
Aufgabe befassen, haben Anspruch auf unfern
Dank, unsere Anerkennung und Förderung.
Jede materielle und geistige Unterstützung
sind wir namentlich auch schuldig der von
der Generalversammlung ins Leben ge-
rufenen „Zeitschrift für christliche Kunst",
welche in diesen Tagen ihr sechstes Heft

entsendet hat; sie zu einem wahren Zeutral-
organ für ganz Deutschland zu gestalten,
ist Ehrensache und Ehrenpflicht für uns alle.

Das zweite Mahn wort des Münster-
thurms ist jenes, das an einem anderen
mittelalterlichen Bau zu lesen ist, es lautet:
„Mach's nach!" Nicht höhnisch ruft
er uns dieses Wort zu, unserer Epigonen-
schwäche spottend, sondern im Ernst und
ermunternd. Lernet, will er sagen, von
den alten Zeiten wahre christliche Kunst-
werke schaffen, Werke, ob groß oder klein,
— aber von wirklichem Kunstwerth, den
christlichen Grundsätzen entsprechend, der
Kirche würdig. Ja unsere hl. Kirche kann
sich nicht mit der Kunstforschung be-
gnügen , sie muß der K u n st s ch ö p f u n g
obliegen. Ob das fieberhaft erregte Leben
der Gegenwart noch so viele und schwere
Aufgaben gegen sie heranwälze, ob ihr
Herz auch von tausend Sorgen belastet
und beunruhigt sei, ob sie auch nicht einen
Augenblick das ihr aufgenöthigte Schwert
der Vertheidigung aus der Hand legen
könne, — immer muß sie noch Hand und
Herz und Zeit übrig haben für die Kunst,
für Erbauung, Vergrößerung, Verschöne-
rung der Kirchen, für Vermehrung der
Stätten des Heiles, für Errichtung von
Altären als Opferstätten des neuen Bun-
des, für Herstellung christlicher Kunstwerke
für das Wohnhaus und Gotteshaus.

Das ist eine heilige und schwere Auf-
gabe, doppelt schwer in einer Zeit, wo
die christlichen Kunstschulen, welche einst
im Schatten der Dome und Münster blühten,
völlig ausgestorbeu sind, und wo man alle
Hoffnung aufgeben muß, daß in der heißen
Stickluft der modernen Kunst die reine
Lilie der christlichen Kunst ersprossen und
gedeihen könne. Was uns hier Noth thun
würde, ist leicht auszusprechen, aber schwer
auszuführen. So lassen Sie mich es
wenigstens vor Ihnen aussprechen und in
Ihr Herz es niederlegeu: Wir sollten christ-
liche Kunstschulen haben, kirchliche Archi-
tekteuschulen, Malerschulen, Bildnerschulen.

Wenn Sie mich fragen, ob es in unserer
Macht und Möglichkeit liege, in absehbarer
Zeit solche Schulen zu gründen, so ant-
worte ich mit einem traurigen „Nein".
Doch klammert sich an dieses Nein die
Hoffnung an, daß die immer klarere Er-
kenntniß dessen, was uns fehlt, allmählich
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