Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

Seite: 101
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nicht die Pflege der christlichen Kunst, je
nach Stand und Stellung, nach Können
und Vermögen. Wenn wir in diesen Tagen
zu dem herrlichen Thurme aufschauen, mit
ehrfürchtigem Staunen feine Größe messen,
mit Lust und Wonne seine Schönheit in
Aug und Herz aufnehmen, dann wird er
uns auf's Neue mahnen: „Vergesset nicht
die Pflege der christlichen Kunst." Morgen
Abend, wenn Flammen der Verklärung
ihn umweben und gleichsam zum Himmel
tragen werden, werden seine Flammen in
unseren Herzen die Begeisterung für die
christliche Kunst zu entzünden suchen. Und
wenn wir nach all diesen schönen Tagen
die gastliche Stadt verlassen, da wird der
Münsterthurm das letzte Lebewohl uns
in die Ferne winken, und sein Abschieds-
gruß wird lauten: „Vergesset nicht
all das Schöne und Große, das
ihr hier gesehen u n d g e h ö r t; ver-
gesset nicht die Pflege der ch r i st-
li ch en Kunst!"

Todtenleuchten.

(Schluß.)

Von diesen Steinthürmchen abgesehen
können wir mit Sicherheit aus unserem
Lande nur noch Eine Todtenleuchte anf-
führen und zwar an der Kirche in Lichtet
bei Creglingen. Sie ist, wie dies auch
sonst einigemale vorkommt, in der Kirchen-
wand selbst angebracht, und zwar in der
südöstlichen Ecke des Schisses. Ziemlich
hoch oben ist hier in die Wandecke eine
kleine Nische vertieft, die in einem
Spitzbögchen nach Süden und nach Osten
sich öffnet; zwischen den beiden Oefsnun-
gen ist ein kleines Eckpfeilerchen. Daß diese
Nische ein Lichtgehäuse war, beweist noch
die tiefe Schwärzung durch den Rauch.
Ohne allen Zweifel haben wir es hier mit
einem Armenseelenlicht zu thun, und zwar,
nach dem Alter der noch frühgothischen,
wenn nicht romanischen Kirche zu schließen,
mit einem zum wenigsten aus dem 13.
Jahrhundert stammenden. Doch ruft hier
die Lage der Kirche und die Art der An-
bringung dieses Lichtes die Vermuthung
wach, es möchte mit dem religiösen Zweck
sich ein humanitärer verbunden haben bei
Stiftung dieses Lichtes.

Die Kirche liegt nämlich aus steilem,

felsigen Bergvorsprnng, der in das tiefe
Rimbachthal ziemlich jäh abfällt. Das
Licht der Kirche war von seinem hohen
Standorte aus weithin sichtbar und konnte
dem Wanderer zur Zeit der Nacht Führer
zum Ziel, Orientirungsstern und Warner
vor dem Abgrund sein. Wir wagen sogar
die Vermuthung, daß der Name des Ortes
mit diesem Licht in irgend einem causalen
Zusammenhang steht, sei es, daß das Licht
ihm den Namen gab, sei es, daß der
Name zur Stiftung und Pflege des Lichtes
Anlaß wurde.

Zweifelhaft ist mir, ob die Nische,
die jetzt an der Todtenkapelle bei der
Oberhovenkirche in Göppingen angebracht
ist, auch zur Ausnahme eines Allerseelen-
lichtes bestimmt war; von der Kapelle
steht nur noch das Chörchen, dessen
Triumphbogen erneuert wurde; der vier-
eckige Stein, in welchen die Nische einge-
hauen ist, wurde später an der Chorbogen-
wand eingesetzt und könnte ursprünglich
an der Umfassungsmauer der Kirche feinen
Platz gehabt haben. Die Nische zeigt
wohl noch Klobenlöcher für ein Thür-
chen, aber keine Schwärzung durch Rauch,
die freilich auch durch den Regen wegge-
waschen sein könnte. Noch sind eigen-
thümliche Vorrichtungen an der Außenwand
des Chores in Rechberghausen, OA. Göp-
pingen, und in Massenbachhausen, OA.
Brackenheim, welche man versucht sein
könnte, mit Todtenleuchten in Verbindung
zu bringen. Im ersteren Ort befindet
sich an der Nordwand des Chores ein
in schiefer Linie am Chorsenster vorbeige-
führter ca. m hoher steinerner Ka-
min, viereckig, mit kleiner Höhlung, die
durch den Rauchabzug noch stark geschwärzt
ist. Er verliert sich unten in der Wand,
kann aber nach seiner Anlage nur zu
einer, jetzt vermauerten, innen im Chor be-
findlichen Lichtnische gehört haben, diente
also offenbar dem ewigen Licht, das in
der Wand angebracht war, nicht einem
Armenseelenlicht. In Massenbachhausen
ist innen die Höhlung in der Wand noch
zu sehen, mit welcher der äußere Kamin
in Verbindung steht. Erwähnt mag noch
werden das schöne Lichtgehäuse, welches
in der Klosterkirche in Schönthal rechts
neben dem Hochaltar steht; es ist aus
Stein und im Renaissancestil gehalten;
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