Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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des großen Heiden Göthe. Die Mutter der
schönen Liebe im Sinne unserer hl. Kirche
gehört dem Reiche höherer Ideale an. Das
Gegenstück zum träumerischen Deutschen fin-
den wir unter den Franzosen. Es ist Nr. 838
von Dagnan-Bouveret in Paris. Da sitzt
eine Frau in einer Werkstätte bei Hobel und
Säge und hält ein Kind zur Hälfte unter
dem Mantel verborgen. Dieser Knabe nun
soll der Sohn Gottes sein. Darum gehen
von dem verhüllten Haupte des Kindes durch
die Umhüllung nach allen Seiten hin schmutzig
gelbe Lichtstrahlen aus. Jetzt kann wohl
jeder wissen, daß das eine Mutter Gottes
sein soll; doch das Bild müßte sich ans
einem Altar komisch ansnehmen.

Ans die Spitze wird diese Verirrung der
religiösen Malerei durch einen früheren
sächsischen Offizier, Uhde, getrieben. War
er noch 1883 mit milchig weißen Trommlern
ans giftig grünem Felde vertreten, so hat
ihm damals niemand sein Freilicht und
Militär mißgönnt. Aber der Mann ver-
greift sich jetzt an religiösen Gegenständen.
Da ist eine Bergpredigt. Nun so ungefähr
sieht Prediger und Publikum aus, wenn
man unverhofft auf einen: Spaziergange an
einem Sonntagnachmittag ans ein Metho-
distenkonventikel stößt. Doch ist dies Bild
noch unschuldig im Vergleich mit einem
Abendmahl desselben Pinsels. Da sitzen um
eine noch ziemlich biedermännisch aussehende
Gestalt eine Anzahl Zuchthäusler herum.
Den: Mann ist in solcher Gesellschaft auch
nicht wohl, und um seine paar Pfennige vor
dem Hauptgauner zu sichern, fragt er: wer
von euch hat den Kelch gestohlen? In einer
sogenannten hl. Nacht erreicht dieser Maler
der Sektirer und Kommunisten den tiefsten
Abgrund der Trivialität. Wird die Sozial-
demokratie einmal Lust nach religiösen Bildern
verspüren, dann mag Uhde Abnehmer finden.

Noch manches Bild könnte genannt wer-
den. Das Bisherige wird genügen. Nur
einer Erscheinung sei noch erwähnt, nämlich,
man verzeihe den Ausdruck, des religiösen
Genre. Wie manche Erscheinungen und
Institute des katholischen Lebens Gegenstand
der Unterhaltung im Salon und sogenannter
feiner Gesellschaft sind, so bemüht sich die
Malerei eines ähnlichen. Manches geht noch
an, wie Kranke pflegende Barmherzige
Schwestern, der das Viatikum bringende
Pfarrer. Aber dann geht es abwärts zu
der Schilderung, wie junge Mädchen mit
Braten und Wein für das Kloster gewonnen
werden, wie unglückliche Nonnen nach Frei-
heit ins Blaue hinausschmachten, wie Mönche
zechen; und noch Dümmeres wird gemalt.

Dr. Sägmüller.

Wir haben dem nur wenige allgemeine
Bemerkungen beizufügen. Nach allem, was
wir gehört und gelesen, sind wir mit sehr
wenigen Erwartungen in die Ausstellung
eingetreten; wir haben sie verlassen mit einem
unüberwindlichen Gefühl des Ekels und der
Nichtbefriedigung. Die ungefähr zwölf schö-
nen Profanbilder, die vortrefflichen englischen
Porträts, die fünf oder sechs ordentlichen
religiösen Darstellungen, die paar gut ge-
malten Landschaften können nicht aufkommen
gegen die gewaltige Ueberzahl von impres-
sionistischen Schmierbildern, welche lästig sich
von allen Seiten herandrängen, um uns
mit dem Ekelhaften und Häßlichen in der
Wirklichkeit vertraut zu machen, von geist-
losen Natnrauffassungen, von unsäglich blöden,
witz- und sinnlosen Genrebildern und end-
lich von tendenziösen Leistungen, die mit
bisher nicht dagewesener Frivolität das Heilige
im Koth nmherziehen.

Da erscheint es denn doch als Pflicht,
offen und laut Anklage zu erheben — nicht
gegen die Künstler, welche ausstellen, sondern
gegen die Ansstellungskommission,
welche über Zulassung und Nichtzulassung
der Bilder entscheidet. Sie hat sich selber
gerichtet, hat der Münchener Kunst vor allem
den schwersten Schaden zugefügt und hat
dem großen allgemeinen Interesse der Kunst
tiefe Wunden geschlagen. Diese Anklagen
wollen wir als gerechtfertigt erweisen.

Es wird doch wohl als Axiom gelten
können, daß eine solche Ausstellungskommis-
sion die Pflicht habe, alles Schlechte und
Mittelmäßige, alles, was weder dein Grund-
gedanken, noch der Komposition, noch der
Technik und Ausführung nach auch nur den
mäßigsten Anforderungen entspricht, mit
Strenge unb Konsequenz auszuschließen und
fernzuhalten. Daß die Kommission diese
Pflicht nicht erfüllt hat, wird kein Besucher
der Ausstellung im Ernst bestreiten. Es
gereicht wahrlich einer Kunstausstellung wenig
zur Ehre, wenn jeder Einsichtige vor einer
großen Zahl von Bildern vergeblich sich fragt,
aus welchem Grunde sie Ausnahme gefunden
habe, oder wie ihre Aufnahme etwa noch
entschuldigt und erklärt werden könnte. Die
Glaspalast-Ausstellung wäre durch Entfer-
nung aller der Bilder, bei welchen die^ in
der That zutrisft, um wenigstens 40 Lmle
kleiner geworden, — zu ihrem höchsten Vor-
theil. Was konnte die Kommission auf den
Gedanken bringen, gerade 85 Säle zu füllen
und zu diesem Behuf eine Menge von Bildern
aufzunehmen, die mit Kunst überhaupt nichts
mehr zu thun haben? Man könnte denken,
eine gewisse Schadenfreude und ein Bestreben,
sich selbst im möglichst guten Licht zu zeigen,
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