Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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habe vielleicht geraten, bei Aufnahme von
Werken anderer Nationalitäten nicht allzu
streng und exklusiv zu sein; aber gerade die
Münchener Kunst stellt einen großen Pro-
zentsatz zu der partie honteuse der Ausstellung.
Demut war sicher auch nicht leitendes Prin-
zip, auch nicht die Absicht, einen Einblick in
die Schwächen heutiger Kunst zu erstellen.
Also muß man zur Annahme sich verstatten,
daß eine dummstolze Großthuerei die Zahl
von 85 Sälen fixirt und diese Säle aus
solche Weise gefüllt hat; man spekulirte da-
bei offenbar auf die geringe Zahl verstän-
diger Besucher und gab sich zufrieden mit
dem staunenden Lob der Menge, welcher die
elementare Macht so vieler und so großer
beinalter Leinwandstücke imponiren würde.

Vernünftige und gesunde Grundsätze bei
der Auswahl hätten auch aus der kleinen
Zahl religiöser Bilder, mit welchen wir ex
officio uns zu befassen haben, noch manche
Nummer streichen müssen. Wir rechnen es
nicht allzuhoch an, daß die auch von unserem
Berichterstatter gezeichnete „Tempelreinigung"
von Kirchbach angenommen und unter diesem
Titel angenommen wurde; eine denkende
Kommission hätte wohl dem Maler vorge-
schrieben, das Bild „Marktscene" zu betiteln
und hätte den gewaltigen lapsus bemerkt,
der darin liegt, daß in den Tempel ein
förmlicher Wochenmarkt mit Eiern, Trauben,
Aepfeln, Fischen k. verlegt wird; es fehlte
nur noch, daß ein Schweinemetzger seine
Waaren seilböte. Aber übelnehmen muß
man die Ausnahme des Bildes von E. Rau
„Am Scheideweg". Hier sieht man in einer
Bahnhofrestauration ein junges auf der Hoch-
zeitreise begriffenes Ehepaar am Tische sitzen
— was Talent und Geist anlangt, ist ihm
nicht gerade geschmeichelt; ihm gegenüber
sitzen zwei barmherzige Schwestern, welche
ein Landmädchen zwischen sich haben; dieses
schaut mit bedenklichem Blick auf die Glück-
seligkeit des Ehepaares und wird durch die-
selbe augenscheinlich erschüttert in seinem
Entschluß, ins Kloster zu gehen; aber eine
der barmherzigen Schwestern kommt ihrem
schwankenden Willen zu Hilfe — mit der
Weinflasche. Die fleißige Ausführung, eine
Tugend, welche nicht allznviele Bilder der
Ausstellung zeigen, verlieh ja diesem Bilde
ein gewisses Recht aus Aufnahme, aber eine
nobel denkende Kommission hätte erkennen
müssen, daß dieses Recht vom Meister tausend-
mal verwirkt worden durch den infamen
Grundgedanken, durch die Niederträchtigkeit,
mit der hier ein Stand verleumdet wird,
welchen selbst die verworfensten Subjekte
achten müssen, welchen die wildeste Kultur-
kampsgesetzgebung verschont hat.

Indem die Kommission aber Uhde's schauer-
liche Leistungen ausgenommen, hat sie sich
mitschuldig geinacht an diesen Skandalen der
Gemäldeausstellung, vor welchen wir selbst
sehr weltliche und leichtfertige Gesichter er-
röthen und Zeichen der Mißbilligung geben
sahen. Uhde wendet die Jmpressionistenkunst,
das Häßliche und Gemeine im Menschen-
leben durch die Kunst zu sixiren, auf das
Religiöse an. Er mischt nicht in religiöse
Darstellungen sinnliche und fleischliche Reize
— das haben vor ihm viele gethan; er na-
turalisirt nicht das Uebernatürliche — das
sind wir von Akademiemalern allmählig
gewöhnt; er mißbraucht nicht religiöse Vor-
würfe, um technische Virtuositäten zur
Schau zu stellen; wir sind bereits so weit,
daß das uns kann: mehr als Schuld er-
scheint. Uhde inacht auch das Heilige nicht
lächerlich; in seinen Bildern ist kein Anflug
von Witz oder Scherz, nichts, was zum
Lachen reizt. Seine Schuld ist größer.
Er macht das Heilige und Heiligste —
und zwar mit vollem Bewußtsein, wissent-
lich und geflissentlich — gemein, wiedrig,"
ekelhaft und verächtlich, indem er Schufte'
und Gauner, Landstreicher und Dirnen den
heiligen Gestalten des Evangeliums unter-
schiebt. Die christliche Kunst soll durch die
Mittel der Schönheit für den Glauben mis-
sioniren; hier misstonirt die Kunst, wenn
man von solcher noch reden kann, durch die
Mittel der Häßlichkeit und Abscheulichkeit für
den Unglauben? Iknter dem Titel religiöser
GemälMckönnten diese Bilder nicht Aufnahme
finden; für so urteilslos und für so schlecht
halten wir doch die Kommission nicht. Aber
unter welchem Titel kamen sie denn herein?
Sollte Meisterschaft der Technik, virtuose
Farbengebung etwa sie in dem Grad em-
pfohlen haben, daß der Kommission durch
diese Vorzüge das religiös Bedenkliche weit
ausgewogen erscheinen konnte? Zugestan-
denermaßen sind die Uhdeschen Bilder nach
der Technik so schlecht als nach dem geistigen
Inhalt: die Zeichnung elend und schülerhaft,
die Ausführung leichtsinnig und sträflich
flüchtig, das Colorit unsäglich schmierig und
unsauber. Virtuos ist an diesen Bildern
nur die Fertigkeit, das Heilige, mit dem sich
bei jedem, nicht bloß gläubigen, sondern
anständigen Menschen in nothwendigerJdeen-
association die Vorstellung des Schönen ver-
bindet, in Formen zu kleiden, deren gemeine
Häßlichkeit verblüffend wirkt. Diese Virtuo-
sität ist Uhde's Erfindung und ist seine große
Schuld, welche aber die Konunission redlich
mit ihm teilt.

Um mit der letzteren vollends ganz abzu-
rechnen, sei noch die Art und Weise der
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