Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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um ihre schlechten und gewissenlosen Pfleger
davonznjagen und sie wird sich wieder nach
jener Seite wenden, wo man noch Sinn und
Achtung für ihre Herkunft, ihren Werth und
ihre Rechte hat! —

Der Bildhauer Jakob Ruß von
Ravensburg.

Von Pfarrer Karl Anton Bnsl in Bavendorf.

(Fortsetzung statt Schluß.)

Der Rathhanssaal in Ueb erlin gen/)
nahezu ein Quadrat von mäßiger Ausdeh-
nung (rund 10 */2 m I., 8 m br., 3* 2 m h.),
vollständig mit Holzdielen getäsert, ist in
reicher architektonischer Gliederung spätgothi-
schen Stiles, iin Detail vielfach an den Hoch-
altar in Chur erinnernd, in 41 Felder geteilt.
Die leicht gewölbte, gleichfalls hölzerne Decke
hat 22 an den Enden mit Schnitzwerk ver-
zierte Balkendurchzüge. An der Füllung
des mittleren heben sich aus blauen Grund
besonders edel stilisierte Pslanzenornamente
ab. Die längs der Wände laufenden, ge-
schweiften und sich nach oben durchschueiden-
den und dadurch Scheitelwinkel bildenden
Spitzbogen schließen nach unten je in der
Mitte eines Feldes mit Konsolen ab, welcke
als Figuren gebildet sind, die das nämliche
Wappen halten, wie die vorhergehende oder
nachfolgende, je an der Einrahmung der
Felder stehende Statuette. Zu diesen Kon-
solensigürchen hat der Meister, teilweise auch
die Thierwelt verwendend, seiner köstlichen,
sprudelnden Laune ähnlich, jedoch nie ver-
letzend, den Lauf gelassen, wie die Künstler
damaliger Zeit sie sich häufig z. B. an
den Chorstühlen, an den Randleisten mit
Miniaturmalereien gezierter Bücher u. s. w.
verstatteten.

Durch die bedeutendere Größe der Figuren,
wie durch die bei ihnen allein angewandte
Fassung in Gold und Farben stechen drei
Gruppen hervor. Je im neunten Feld der
Ost- und der Westwand thront Christus
auf den Wolken als Weltrichter, zur Seite
etwas unter ihm aus Konsolen und unter
Baldachinen erscheinen in traditioneller Weise
als Fürbitter Maria und Johannes der
Täufer. Diese Gruppe schließt östlich ein
kleiner Engel, westlich ein kleines Männchen
als Halter eines Schildes ab, woraus in
goldenem Feld ein Kreuz mit Dornenkrone,
Geißel und Nägeln. Die dritte Gruppe
krönt den Haupteingang. Gleichfalls auf
Konsolen und unter Baldachinen flankieren

i) Näher beschrieben von L. Allgeier: Das
Holzschnitzwerk im Rathhaussaale zn Ileberiingen.
Ueberlingen. ?(. Schoy. 1886.

heraldisch rechts die Statue des hl. Bischofs
Nikolaus, Patrons des Münsters und der
Stadt, heraldisch links die des hl. Erzengels
Michael zwei von je einem goldgekrönten
Löwen gehaltene, goldene Wappenschilde, im
linken ein schwarzer einfacher, im rechten ein
schwarzer einfacher, goldgekrönter Adler
(ersterer das ältere Wappen der Stadt) —
diesem Adler fügte in der Folge Karl V.
laut im Rathhaussaal ausgehängtem Wappen-
brief vom 3. Februar 1528 „sonderbar wegen
bezeigter Standhaftigkeit im alten christkatho-
lischen Glauben, auch wegen Einlassung und
Ausnahme des (1527 aus Konstanz geflüch-
teten) Domkapitels", einen goldenen Herz-
schild bei, darin ein aufrechter, rother, gold-
gekrönter Löwe; Helmkleinod: ein rother,
hervorbrecheuder, goldgekrönter Löwe, in der
aufgeworfenen rechten Pranke ein bloßes
Schwert haltend —; über beiden Schilden
ragt ein dritter, größerer, der des deutschen
Kaiserreiches mit schwarzem Doppeladler,
aus dessen Brust ein läugsgeteilter Herz-
schild, rechts mit dem österreichischen, links
mit dem burgundischeu Wappen; über dem
Schild prangt die Kaiserkrone. Dem Haupt-
eingang gegenüber, an der Fensterseite,
nehmen auf den Kapitälen der zwei die
Decke stützenden Säulen unter Baldachinen
je eine gekrönte Statuette mit Scepter und
Reichsapfel den Ehrenplatz ein. Ich erkläre
diese bis jetzt nicht näher bestimmten Statuet-
ten als die Figuren der zwei Kaiser Fried-
richs III. und Maximilians I., unter deren
Regierung die Ruß'schen Schuitzwerke ge-
fertigt wurden. Ersterer starb im August
1493, sein berühmterer Sohn Maximilian
folgte ihm auf den Thron, nachdem er schon
zuvor durch seine Ehe mit Maria, Tochter
Karls des Kühnen, Burgund erworben hatte;
hierdurch erklärt sich auch das burguudische
Wappen im Herzschild des Reichsadlers gegen-
über den Kaiserstatuetten oberhalb des Ein-
ganges. An den Wänden stehen auf Kapi-
tälkonsolen unter reichen Baldachinen weitere
neununddreißig je 40 cm hohe Statuetten:
drei geistliche und vier weltliche Kurfürsten,
je vier Mark-, Land-, Burg- und „einfäl-
tige" Grafen, je vier semperfreie Schenken,
Ritter, Städte und Bauern. Die Ideen
der großartigen Komposition sind unverkenn-
bar die Darstellung sämmtlicher Stände des
heiligen römischen Reiches deutscher Nation,
der durch zweimalige Darstellung deS
jüngsten Gerichtes eiugeschärfte Gedanke,
daß diese alle ohne Ansehen der Person der-
einst gerichtet werden und die Mahnung an
diejenigen, welche in diesem Saale alo Kläger,
Zeugen, Richter oder Räthe erscheinen, des
Richters der Lebendigen und Todten, der
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