Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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sich ihren Augen rechts und links unaus-
weichlich warnend vor Augen stellte, und der
Pflichten der Wahrhaftigkeit und Gerechtig-
keit eingedenk zu sein.

So predigte das fromme Mittelalter die
Gerechtigkeit, nicht durch eine allegorische
Figur „der Justitia". Herr Allgeier hat
nämlich H die oben von mir als Figur des
hl. Michael erklärte Statuette über dem Ein-
gang als Statue „der Gerechtigkeit" deuten
zu dürfen geglaubt. Die merkwürdige Stelle
lautet: „Von der Weise, wie der Künstler
seinen Gegenstand .... ans geistig vor-
nehmer Höhe und neuer selbständiger Art
auffaßt, zeugt die Darstellung der Statue
der Gerechtigkeit. Während das ganze Mittel-
alter die Göttin der Justiz als Jungfrau
mit der Binde um die Augen darstellt,
Schwert und Waage in den Händen, und
in noch früheren Zeiten die Gerechtigkeit
sogar in einer ohne Kopf versinnbildlichten
weiblichen Gestalt erscheint, stellt unser
Künstler dieselbe zwar auch mit den Attri-
buten von Schwert und Waage dar, aber
ohne Binde um die Augen. Wir über-
lassen es dem Leser, zu emscheiden, welches
die Beweggründe gewesen fein könnten, die
unseren Meister bestimmten, von der durch
Herkommen sanktionierten Darstellung dieser
allegorischen Gestalt so auffällig sich zu ent-
fernen. Es mag Blindheit ihnr nicht gerade
als nothwcndige und wünschenswerthe Eigen-
schaft des richterlichen Amtes erschienen sein,
also, daß er vorzog, Frau Justitia sich als
scharfäugige Verfolgerin jedweden Unrechts
und Trugs vorzustellen". (!)

Schon ohne weitere Untersuchung dürfte
man von vornherein vermnthen, daß nach
mittelalterlichem Brauch das Gegenstück zu
St. Nikolaus wiederum eine Heiligenfigur,
nicht eine „Justitia" sein müsse. Daß sie
in vorliegendem Fall als ein hl. Michael
anzusprechen sei, läßt sich erweisen. Das
Fehlen der Flügel, das lange, von einem
goldenen Reif znsammengehaltene Haar, das
jugendlich zarte Gesicht, die bis zu den
Füßen herabwallende Gewandung, die Em-
bleme des Schwertes und der Waage mögen
Herrn Allgeier zu seiner irrigen Auffassung
verleitet haben.

(Schluß folgt.)

Nebenaltar im Renaissancestil.

So übergroß die Zahl der Zopfaltäre aus
dem vorigen Jahrhundert, so klein ist in Schwa-
den und, will uns scheinen, in ganz Deutschland

U A. a. £). S. 30.

die Zahl der Altäre des Renaissancestils. Der
Grund liegt einmal darin, daß im 16. und 17.
Jahrhundert für die Kunst überhaupt eine trau-
rig lange Pause eingetreten war, daher auch
wenige Altarwerke erstellt wurden; sodann hat
jedenfalls der Zopfstil mit manchen Werken dieser
Art aufgeräumt, weil sie ihm viel zu nüchtern,
gesetzmäßig und einfach erschienen; endlich mag
auch der sonst so heilsamen Kunstbewegung in
unserem Jahrhundert mancher Renaissancealtar
zum Opfer gefallen sein.

Begreiflicherweise wendet sich daher der Blick
mit doppeltem Interesse den wenigen erhaltenen
Werken dieser Gattung zu. Unsere Beilage bil-
det den schönsten Nebenaltar deutscher Spät-
renaissance in unserm Lande ab. Er stammt ans
dem Jahr 1615 und steht in der Gottesacker-
kapelle in Ehingen a. D. Doch ist sein gegenwär-
tiger Standort nicht der Platz, für den er ur-
sprünglich gefertigt wurde; mußte doch, um er-
sterem ihn anzubequemen, rechts die Schlußver-
zierung abgeschlagen werden. Es sind zwei Mög-
lichkeiten denkbar, entweder befand er sich ur-
sprünglich in der Stadtpfarrkirche, die noch einige
hübsche Nebenaltäre des Barockstils hat, doch
keinen vom Stile des unsrigcn; oder er wurde
vielleicht aus dem Kloster Zwiefalten in die von
diesem Kloster 1712—19 erbaute Konviktskirche
verbracht und aus letzterer bei deren Profanirung
in die Gottesackerkapelle transferirt. Nähere
Nachforschungen über den auf der Predella ge-
nannten Stifter Späth von Schültzburg könnten
wohl darüber Klarheit vermitteln, ob dieser
Stifter zu Ehingen oder zu Zwiefalten in Be-
ziehung steht. Beachtenswert!) ist, daß diesem
Altar gegenüber eine Nachbildung desselben vom
Jahr 1706 steht, welche Bau und Formen des alten
so korrekt kopirt, als es dem Zopfstil überhaupt
möglich ist; ein Beweis wenigstens dafür, daß
der Altar selbst dem 18. Jahrhundert noch einiger-
maßen imponirte.

Die Motive der Ornamentik sind nicht alle
rein und gut; der Schneckenreichtum ist doch fast
• ein zu großer, die Cartouchen ziemlich nüchtern
und grob, die nackten Putten oben nicht zu lo-
ben; alles das könnte und müßte bei etivaiger
Nachahmung durch Besseres ersetzt werden.

Sehr zu loben und nachahmenswerth dagegen
ist die gute Konstruktion, der feste und elegante
Aufbau, die vortreffliche Vermittlung und Ver-
bindung der Teile und Glieder. Möge man an
diesem Beispiel lernen, daß der Renaissancestil
keineswegs ein Willkür- und Gesetzlosigkeits-Stil
ist und nicht in der Ornamentik sein Wesen hat;
auch hier ist Konstruktion das Erste, das
Mark und Wesen.

Znm Schlüsse sei zur Ehre der Stiftungsbe-
hörde in Ehingen noch angefügt, daß dieselbe
den Beschluß gefaßt hat, das ziemlich beschädigte
Altarwerk gründlich restanriren und aus der
etwas feuchten Gottesackerkapelle in die Stadt-
pfarrkirche versetzen zu lassen.

ksiezn eine Beilage: Reuaissauce-Altar.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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