Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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Archiv für christliche Nunst.

Organ des Rottenburger Diözesan-Oereins für christliche Kunst.

kserausgegeben und redigirt von Professor 0r. Reppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözefan-Runftvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Aeppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die württemb. (SD?. 1. 90
im Stuttg. Bcstellbezirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Reichsposlaustaltcn,

I» fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden tGOO

± auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags lOOO,

direkt von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstrahe 94,
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

Deutschlands Riesentbürme.

Von Stadtpfr. Eng. Koppler in Frendcnstadt.

(Fortsetzung.)

„So strebt hier alles nach Zuspitzung
und Vergeistigung. Die Höhe hat die
Breite, das Ideelle die Natnrgrnndlage
wenigstens scheinbar überwunden; alles
drängt dahin, die alleinige Macht des
Geistes zu offenbaren." (Bayer, Aesthetik,
2. Bd. S. 80. Zum Schlußsatz des vori-
gen Art. ist anzumerken: Kugler, K. G.
2. Bd. S. 301.) — „Der Körper selbst
scheint Geist geworden zu sein, frei von
dem Gesetze und der Last der Erde ein
höheres Leben zu leben als das irdische,
beseligt oder wenigstens beseelt durch den
Geist des Meisters, der ihn aus einem
ungefügen Erdenkloß zu einem geflügelten
Boten eines geistigen Lebens umgeschafsen.
Wenn aber der Stein Flügel sich nimmt
und von der Erde zur Höhe sich schwingt,
wenn er die schwere Last der Erdhaftig-
keit von sich abschüttelt und wie ein leicht
beschwingter Elfe in luftige Höhen sich
hebt: wie sollte des Menschen Gedanke
bei einem solchen Anblick schwerfällig und
plump an die Erde gebannt bleiben können?"
(Deutinger „Bilder" 3. Bd. S. 150 f.)
Damit sind wir bei dem innern Wesen,
bei der höheren Bedeutung dieser Bau-
werke augelangt. Sie sind geistige Ge-
bilde, verkörperte Ideen. Der Geist,
welcher diese kühnsten und durchsichtigsten
Formen erdacht und in's Werk gesetzt,
welcher durch das zarte in die spitzen
Fensterbogen gezeichnete Maßwerk uns an-
blickt und noch in den kreuzförmig geöff-
neten Schlußblumen seine Schwingen den:
Himmel entgegenbreitet: es ist der christ-
liche Spiritualismus, dieses Ringen heraus
aus dem Schoß der Natur, aus den Fesseln

des Vergänglichen hinauf in die lichten
Gefilde des Geisterreiches. Die gewaltig-
sten Verkündiger der übersinnlichen Rich-
tung des Christentums sind diese Thürme.
Darum zeigen ihre Massen keine Schwere:
sie sinnbilden die von Himmelssehnsucht
emporgetragene Seele. Die mächtigen
Fensteröffnungen des Oktogons verschmähen
die Verglasung: der überirdischen Liebes-
gluth wird die leibliche Hülle zu eng!
Ihre äußere Bedachung besteht fast ganz
aus zierlich durchbrochenem Maßwerk —
„Und des Himmels Wolken schauen hoch
hinein" — sie soll das ätherische Bau-
werk nicht so fast abschließen als vielmehr
den transcendentalen Einflüssen öffnen.
(Abschließend ist sie nur für's Auge;
das Auge verlangt solche Zuspitzung. Diese
Thürme sind zu hochstrebend, als daß sie
sich mit einem abgeplatteten oder gar wag-
rechten Abschluß vertrügen. Darum kam
man besonders, fast ausschließlich, in
Deutschland auf den Gedanken, anstatt
der früher völlig geschlossenen, später nur
von einfachen Lucken durchbrochenen Stein-
helme der französischen Gothik — vergl.
Wollet a. a. O. S. 433 — solche aus
acht kühnen Rippen mit eingespanntem
durchsichtigen Maßwerk zu errichten. Un-
sere vier mächtigen Pyramiden — die
Straßburger geht wegen ihrer trümmer-
haften Unvollendung den Wettstreit nicht
ein — lassen an Kühnheit und Zierlich-
keit zugleich alles derartige weit hinter
sich. Der Einwurf: ein Dach aus durch-
stochenem Mauerwerk sei gar keines, weil
es seiner Bestimmung widerstreite, ist nicht
sehr ernst zu nehmen. Der doppelte Zweck
jeder monumentalen Bedachung ist hier
vollkommen erreicht, nur verteilt auf
zwei Dächer: ein inneres und ein äußeres.
Das äußere — der durchbrochene Helm —
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