Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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und sie später, vielleicht bei einer der
rwei Restaurationen verlor, sind jene em
yvar gewöhnliches, aber nicht unbedingt
nothwendiges Attribut der Engel, die Figur
zeigt, wenn auch jugendlich zarten, doch nicht
weiblichen Typus, weiterhin übersah Allgeier
die aus der Brust gekreuzte priesterliche
Stola, wie sie auch die Engel am Rußschen
Hochaltar in Ehur tragen. Entscheidend
aber für St. Michael in der Ueberlinger
Darstellung ist die Figur eines nackten Kind-
chens, des mittelalterlichen Symbols der
Seele (so häufig bei Darstellung von Mariä
Hinscheiden), in der einen Wagschale. In
langem, priesterlichen Gewand, unbedeckten
Hauptes, mit gezücktem Schwert in der
Rechten, die Wage des Gerichtes in der
Linken haltend, erscheint der Erzengel Mi-
chael in der mittelalterlichen Kunst, wenn er
als Seelenschirmer und Seelen-
wäger auftritt, sei es als Teilfigur bei
Schilderung des jüngsten Gerichtes. sei es,
wie seit Anfang des dreizehnten Jahrhunderts
nebenher üblich geworden, bei gesonderter
Darstellung. Häufig erwartet die Seele, in
der eben angegebenen Weise dargestellt, betend
ihr Schicksal; der Gegenstand in der andern
Wagschale bleibt öfters unkenntlich, in Ueber-
lingen ist er deutlich ein Gewicht. Im
Ganzen der Ueberlinger Darstellung ent-
sprechend erscheint Michael z. B. auf einem
Gemälde von Lukas Kranach dem Aelteren
in der v. Vintler'schen Galerie in Bruneck
und aus zwei Bildern des bayerischen Natio-
nalmuseums ans dem Anfang des 16. Jahr-
hundertsT)

Der Grund endlich, warum St. Michael
neben den hl. Nikolaus beim Stadtwappen
tritt, ist ein weiterer Beweis für die richtige
Bestimmung der Figur. Beide gehören zu-
sammen. Ersterer ist Patron der Pfarr-
kirche im nahegelegenen Ufkirch (Auskirch),
der altehrwürdigen Mutterkirche von Ueber-
lingen, in welche letzteres bis 1357 einge-
pfarrt war, und wurde im Zusammenhang
damit in der Folge als zweiter Patron rezi-
piert, nachdem Ueberlingen eine selbständige
Pfarrei unter dem Patrozinium des hl.
Nikolaus geworden war. Und wenn selbst
diese zweifellose Beziehung nicht zuträfe,
wäre St. Michael an seinem Platze. Neben
Nikolaus, dem Stadtpatron, erschiene er
diesfalls in Rücksicht aus das angebrachte
dritte, größere Reichswappen und auf die
Darstellung der gesamten Stände des Deut-

. M. .Dr. Jfrbr. Wiegand: St. Michael in
der bildenden Kunst. Stuttgart, Steinkopf 1886,
und die dort angeführte reiche Literatur.

scheu Reiches als dessen Schirmherr,
wie er denn als solcher bis auf die Zeiten
Kaisers Sigismund (1411—-1437) ans der
deutschen Reichsfahne abgebildet wurde.-

Sämmtliche s. z. s. historische Statuetten,
einschließlich derjenigen der zwei Kaiser 41
an der Zahl, sind, abgesehen von den Wappen,
nicht gefaßt, sondern haben, gleich der ganzen
dekorativen Ausstattung des Saales warmen,
braunen, im Laufe der Zeit etwas nachge-
dunkelten Holzton. Das ganze Werk, laut
Inschriften bei der Figur des Landgrafen
vom Elsaß in den Jahren 1588 und 1864,
jedoch ohne Beeinträchtigung seiner Origi-
nalität restauriert, macht einen sehr wohl-
thuenden, harmonischen Eindruck. Wenn
auch in der üppigen, spätgothischen Orna-
mentik, nimmt man die für Dekoration eines
verhältnißmäßig kleinen Raumes geltenden
ästhetischen Gesetze in Betracht, dem nicht
mehr streng disziplinirten Geschmack der Zeit
entsprechend, bis an die Grenze des Er-
laubten gegangen wurde, so ist diese doch
nicht, oder wenigstens nicht erheblich über-
schritten und erfreut das Ganze durch seine
sichere, elegante, schwungvolle und flüssige
Ausführung. In den Statuetten zeigt der
Meister eine hochentwickelte Gestaltungskraft
und bedeutende Fähigkeit für Jndividuali-
sirung. Die ausdrucksvollen Köpfe, die
freie, leichte, wechselvolle Haltung der Ge-
stalten, die phantasievolle, virtuose Mannig-
faltigkeit der Motive, nach welchen Rnß die
Figuren ihre, den jeweiligen Namen der
einzelnen Stände tragenden Spruchbänder
halten läßt, würde vielleicht sogar manchen
Beschauer einladen, das Werk einer etwas
späteren Zeit zuzuweisen, wüßte man nicht
fo sicher das Datum seiner Entstehung.

Freilich ist, wie am Churer Hochaltar und
wie überhaupt so oft bei derartigen umfang-
reichen, unter Zuziehung von Gesellen her-
gestellten Arbeiten nicht alles von gleich tüch-
tiger Durchführung. So möchte ich die
zweimal angebrachte identische Gruppe des
Weltrichters mit Maria und Johannes wegen
ihres konventionellen Charakters und ihrer
mehr handwerksmäßigen, minder feinen Aus-
führung , als eine Gehilfenarbeit erklären.
Endlich mag es, wie beim Hochaltar in Chur,
dahingestellt bleiben, ob auch die dem großen
Werke ;u Grund liegenden Gedanken selbst,
die eigentliche Konzeption, das geistige
Eigenthum des Jakob Ruß, oder nur deren
künstlerische Ausgestaltung, Anordnung und
Durchführung, nachdem ihm jene vorge-
schrieben worden, demselben zuzuweisen sei;
auch wenn bloß das Letztere zutresfen sollte,
bleibt er ein bedeutender Meister. Der Wort-
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