Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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laut des Vertrags scheint weder entscheidend
dafür, noch dagegen zu sprechen.

An weiteren Holzskulptnren werden Ruß,
beziehungsweise seiner Werkstätte ohne weitere
Begründung zugeschrieben, ein leidender
Christus, 63 cm hoch, geistvoller, edler
und schöner Kopf, wie an den Freigruppen
des Hochaltars, in der vorderen Krypta des
Churer Domes, und der St. Luzinsaltar in
der Stiftskirche zu Churwalden in Grau-
bünden wenn richtig, eines seiner späteren
Werke aus dem Jahre 1511. Während die
Schweiz sich noch einen ansehnlichen Bestand
an Skulpturen und Malereien aus dieser
Periode und zwar, wie oben bemerkt, zu
einem guten Teil von der Hand schwäbischer
Künstler gerettet hat, ist infolge der ver-
heerenden Bilderstürmerei in: 16. Jahrhun-
dert, der Säkularisation im Beginne des
19. Jahrhunderts und der Mißachtung der
alten Kunst auch in katholischen Kreisen von
der Periode der Renaissance an bis vor
wenigen Jahrzehnten, das württembergische
Oberland, speziell die Umgegend von Ra-
vensburg, dem Sitz zahlreicher Künstler in:
Mittelalter, verhältnißmäßig arm an Werken
ans dieser Zeit geworden. Von den: We-
nigen, was sich noch erhalten hat, ist mir
keine Skulptur bekannt, die ich den: Jakob
Ruß mit einiger Sicherheit zuschreiben
möchte. Die werthvollen Steinsknlptnren in:
Bogenfeld des Westportales der oberen
Stadtpfarrkirche zu 11. L. F. in Ravens-
burg, Scenen aus dem Leben Marias dar-
stellend, welche, allerdings nur vermuthnngs-
weise, ihn: zugewiesen werden wollten^) sind
gegei: hundert Jahre älter. Eine Statue der
Mutter Gottes mit den: Kinde, 150 cm
hoch, der Sage nach früher im Prämonstra-
tenserkloster Weis sei: au bei Ravensburg,
jetzt ans den nördlichen Nebenaltar der dor-
tigen Kirche übertragen, neuerdings leider
nicht sehr glücklich restauriert, die werth-
vollste Holzskulptnr in der ganzen Gegend
ans der Zeit des späteren Mittelalters, über-
ragt an Adel der Auffassung und großartiger
Behandlung der Draperie die Ruß'schen
Sachen; sie zeigt weder die Gedrungenheit
seiner Gestalten, noch die Art seines Falten-
wurfes.

Eine dieser Madonna wohl gleichwerthige
Figur des hl. Johannes Evangelista in der
St. Galluskapelle zu Eschau, Pfarrei
Bavendorf, deren zweiter Patron Johannes

1) Kind, Anz. f. schweiz. Gesch. 1875. S. 171.

2) Diözesan-Archiv v. Schwaben 1887; Nr. 11.
S. 84.

vermuthlich war, ist schlichter gehalten, fällt
vor die Zeit des Jakob Ruß, dürfte aber in:
nahen Ravensburg entstanden sein. Am
ehesten noch ähneln den Figuren des Churer
Hochaltars, ohne jedoch diese zu erreichen,
zwei jetzt am Eingang in den Chor der
oberen Stadtpfarrkirche ausgestellte weibliche
Heiligenstatuetten; vielleicht sind sie Ge-
hilfenarbeiten aus seiner Werkstätte, sehr-
wahrscheinlich aus seiner Zeit. Bevor Jakob
Ruß als Schöpfer der Schnitzereien in:
Ueberlinger Rathhaussaal urkundlich fest-
gestellt war, hat man an einen Zeitgenossen,
Friedrich Schram::: von Ravensburg, über
welchen eine Untersuchung in diesem Blatt
folgen wird, gedacht. Was unter seinem
Namen jetzt das Museum in Berlin an
Skulpturen bewahrt, ist bestimmt nicht von
Ruß' Hand. —

Ans der anmit abgeschlossenen Abhand-
lung über den neuentdeckten Bildhauer Jakob
Ruß von Ravensburg hat sich ergeben, daß
der Schöpfer zweier hervorragenden plasti-
schen Werke aus dem Ende des fünfzehnten
Jahrhunderts, des Hochaltars in Chur und
der Schnitzereien im Rathhaussaal von
Ueberlingen, nunmehr in die Reihe der
glänzendsten Künstlernamen jener Zeit, eines
Veit Stoß, Adam Kraft, Tilmann Riemen-
schneider, der beiden Syrlin, des Simon
Haider, Michael Pacher einzureihen ist und
Schwaben stolz sein darf, daß aus ihm
einer der tüchtigsten Vertreter der Holz-
skulptnr in jener froh blühenden Knnstperiode
hervorgegangen ist.

') Nach gütiger Mittheilung des Hrn. Pro-
fessor vr. Roder hat derselbe neuestens (Ende
Oktober) eine aus dem fast ganz zu Gründe ge-
gangenen Archiv des Franziskanerklosters in Vil-
lingeu in das dortige Stadtarchiv iibergcgangene
Pergamenturkunde gefunden, in welcher ein Jakob
Ruß vorkommt. Guardian und Konvent der
Minderen Brüder zu V. leihen ihr Orthaus
(Eckhaus) in der Brunnengasse »Jacob Russen,
dem tucher vnd Eis Clewis, siner eliclien
husfrowen, sesshaft ze Vilmgen« aus Lebtag.
Beide halten darin Wohnung und Wesen, müssen
aber das Haus an Dach und anderen Dingen
in gutem Bau erhalten. Nach ihrem Tod fällt
dasselbe wieder an das Kloster der Minoriten.
»geben vff sant Angnesen tag 1477.« Dieser
Jakob Ruß war also bloß Hintersaß, nicht
Bürger; — vielleicht gar der Vater des Bild-
hauers ?

Stuttstcirt, Buchdruckern der IN..-Ges. „DeiiMes Bolksblatt".
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