Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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Neubau für alle solche Fälle unter allen
Umständen als das allein Richtige oder
auch nur als das Beste und Empfehlens-
wertheste proklamiert werde. Durch diesen
Canon werden den Gemeinden oft untrag-
bare Lasten aufgebürdet; dem religiösen
itub kirchlichen Leben werden ohne Noch
die schwersten Krisen bereitet; manche Ge-
meinde wird herzlos dazu verurtheilt, Jahr-
zehnte lang die oben genannten, mit der
Enge des Kirchenraumes sich einstellenden
Mißstände zu ertragen; schließlich führt
das Streben, um jeden Preis tabula rasa
zu machen, 511 schweren Versündigungen
gegen Kunst und Pietät; stilvolle und ge-
sunde Bauten, die noch Lebenskraft für
manches Jahrhundert in sich haben, heilige
Stätten, geweiht durch die Konsekration
des Bischofs, durch das Gebet der Gläu-
bigen, durch die eucharistische Gegenwart
des Herrn, werden ohne Noth mit roher
Hand zerstört und weggeräumt, damit der
Architekt ganz frei und unbehindert auf
der Stelle schalten könne.

Solches Vorgehen ist eine rohe und
pietätlose Zerhaunng des Knotens und
durch künstlerische Erwägungen nicht zu
rechtfertigen. Kommt eine Gemeinde in
die Nothlage, daß ihre Kirche 51t klein
und eng wird, so erwächst ihr damit eine
Schwierigkeit, die nicht durch einen allge-
meinen Machtspruch zu heben ist; mit
Klugheit und Umsicht müssen je die ob-
waltenden Verhältnisse geprüft und dar-
nach die Mittel der Abhilfe gewählt wer-
den. In manchen Fällen ist es vielleicht
möglich, mehr Platz zu schaffen, ohne
größere bauliche Veränderungen, z. B.
durch Erweiterung der Empore, durch
Fortsetzung des beiderseitigen Gestühls bis
zu den Umfassungsmauern, so daß die
Seitengänge cassirt werden, durch Ver-
engerung eines weit angelegten Stuhl-
systems u. s. f. Bezüglich der Emporen
ist nur daran zu erinnern, daß dieselben
nicht mit Unrecht Schaffote der Kirchen-
disziplin genannt werden, und daß es
durchaus nicht wünfchenswerth wäre, die
ganze Männerwelt und namentlich die
männliche Jugend auf Emporen unterzu-
bringen; zwei Emporen über einander
sind schon als bedenklicher Mißstand an-
zusehen; vollends wird man in katholischen
Kirchen es nicht zulassen können, daß eine

oder zwei an den Längswänden laufende
seitliche Emporen angebracht werden, wie
man dies in protestantischen Kirchen häu-
fig sieht. Weit eher könnte man dazu
rathen, in zu klein gewordenen dreischiffigen
Kirchen, falls die Seitenschiffe die nöthige
Höhe haben, dieselben in zwei Geschosse
zu theilen durch Einziehung eines Bodens,
mit oder ohne Gewölbe; diese Emporen
würden nicht störend wirken und eine
große Raumvermehrnng bedeuten. Für
solche Ausnützung der Nebenschiffräume
haben wir auch treffliche alte Vorbilder,
wie die Kirche in Andlau im Elsaß, St.
Peter in Köln, St. Ulrich in Regensburg.
Diese Anlage der Seitenschiffe ist so
eminent praktisch und läßt sich so künst-
lerisch und mit so guter Wirkung für die
Innenarchitektur durchführen, daß man sie
auch bei Lösung der Frage nach der besten
Grundrißbildung 'für unsere Pfarrkirchen
ernstlich ins Auge fasfeu sollte.

Ist diese Aushilfe möglich und kann man
innerhalb des vorhandenen Kirchenraumes
den nöthigen weiteren Platz schaffen, so ist
die Schwierigkeit ohne große Geldopfer
zu überwinde»; es ist nur noch der Rath
anzufügen, daß man nach Beseitigung des
momentanen Bedürfnisses alsbald sich daran
mache, einen Fond zu sammeln für die
über kurz oder lang wohl wieder nöthig
werdende weitere Raumschaffung, die dann
nicht mehr so einfach sich bewerkstelligen
läßt. (Fortsetzung folgt.)

Deutschlands Riesenthürine.

Von Stadtpfr. Eng. Keppler in Freudenstadt.

(Fortsetzung.)

Aber sie sind es, jeder auf seine be-
sondere Manier, wie wir zwar alle Menschen
sind, aber jeder ans individuell verschie-
dene Weife. Vor allem in Anordnung
und Gruppirung welche Mannigfaltigkeit!
Straßburg und Köln zeigen die zwei-
thürmige Kathedralfront, aber jenes nach
französischem, dieses nach deutschem Muster.
Der mächtige den Dachfirst überragende
Unterbau, auf welchem dort erst der fer-
tige Nordthurm aufsteigt, fällt in Köln
weg. Hier sind beide Thürme, den reich
geschmückten Giebel des Langhauses in die
Mitte nehmend, schon von unten auf als
solche gekennzeichnet. (Vgl. Dohme a. a. O.
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