Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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Prächtige zu glanzvoller Entfaltung, wäh-
rend aus dem üppigen Dekoratiousstil des
Wiener Riesen uns das leicht Gefällige,
anmuthig Zierliche anlächelt. Leihen wir
endlich gewissen volksthümlichen und kul-
turhistorischen Anklängen das Ohr: diese
Steinmassen widerhallen davon! Das zier-
liche Steinschnitzwerk des Stephansthurmes
erzählt uns von der farbenschillernden
gewürzten Beweglichkeit des Wiener Geistes;
das absichtlich großartige, fast gewaltsame
Wesen des Ulmer Riesen — „der Starke
ist am mächtigsten allein" — bringt die
Kraft und Größe der Städter, seiner Er-
bauer, zum angemessenen Ausdruck; die
glatte Vornehmheit, der vollbewnßte Adel,
die ernste Majestät der Kölner Fassade
kennzeichnet sehr wohl die hohe Hierarchie,
der sie ihr Dasein verdankt; und wie sich
in den unvermittelten Gegensätzen und
mangelnden Uebergängen des volksthüm-
lichen Straßburger Riesen die Wechsel
der Zeiten spiegeln, deren alter treuer
Zeuge er ist: so ist anderseits die heitere
Unmittelbarkeit, der ungekünstelte Liebreiz
Fribnrg in der Stadt suser isch und
glatt") — der Freiburger Pyramide für
den an ihrein Fuß gedeihenden Menschen-
schlag typisch geblieben. (Anm. Wir wun-
dern uns, daß der Domthurm zu Frank-
furt a. M. noch nie ans die deutsche
Kaiserkrone gedeutet wurde; sein Abschluß
ahmt unverkennbar eine Krone nach.)

Wir sehen denn unsere fünf stolzen
Thürme wie in der Gegend, der sie das
irdisch himmlische Siegel ansdrücken, und
wie im Volksleben, so in der Aesthetik
ihre scharf umschriebene Stellung ein-
nehmen. Gerade weil jeder von ihnen,
wie wir gesehen, eine besondere Seite des
Schönen ansprägt, ist auch jeder, für sich
allein betrachtet, der schönste von allen.
Es braucht nicht gesagt zu werden, daß
auch jeder bei unübertrefflichen Glanz-
partieen seine Mängel anfweist. Aber
was heißt hier Mängel? — Die Grenzen
menschlichen Könnens! An diese zu
rühren ist nur jenen gegeben, welche nach
dem Ungewöhnlichen streben. Solche
Mängel sind Tatzen des Löwen, an wel-
chen man das Genie erkennt! Dahin ge-
hören die für die Kölner Riesenfront nn-
verhältnißmäßig kleinen Portale: ein

Mangel, den die alten Meister wohl fühl-

ten. Zeuge dafür ist ein alter Riß, der
es mit fünf (statt drei) Portalen versucht,
der Kleinheit gewissermaßen durch die Zahl
abhelfend. Die sechs als Stütze der Last
unentbehrlichen Pfeiler der Vorderseite
setzten der breiteren Anlage der drei Thore
ein unüberwindliches Hinderniß entgegen.

(Fortsetzung folgt.)

Das Bildwerk des Taufsteins in
^reudenstadt.

Von Stadtpfcirrer Eugen Keppler.

Unter den altromanischen Taufsteinen
von ausfallender Größe in unserem Land
ragt der in der Stadtkirche zu Frenden-
stadt befindliche und wohl ans der zer-
störten Klosterkirche von Hirsau hierher
verbrachte durch seinen rohen Bilderreich-
thum hervor. Stammend aus der Zeit,
da man ansieng,,den Taufstein im Innern
der Kirche und zwar symbolisch am Ein-
gang derselben auszustellen, zeigt derselbe
ein schweres, von oben nach unten sich
verjüngendes rnndeö Becken, das auf einem
rohen cylindrischen Untersatz von nur 0,30
Meter Höhe ruht. Das ganze ist 1 Me-
ter hoch. Die Höhlung ist genau halb-
kugelig ansgehanen, 1 Meter weit und
0,50 Meter tief. Der stark handbreite
Rand zeigt ans seiner glatten Fläche eine
einfache Verzierung ans gewundenen Li-
nien. Unmittelbar unter diesem Rand ist
das Becken von einem kräftigen, sauber
ansgesührten gewundenen Rnndstab um-
rahmt; ebenso unten, wo es ans dem
Untersatze ruht, oder genauer: wo dieser
in das Becken eingelassen ist (wovon man
sich überzeugen kann, wenn man das-
selbe von unten mit der Hand unter-
sucht). Dem runden Untersatz lagern sich,
demselben gewissermaßen viereckige Basis
gebend, an vier Punkten Skulpturen vor.
Drei Ecken sind von Löwen eingenommen.
Das einemal ist es einer; sein Schweif
ist, wie bei den andern durch die Hinter-
beine hindurch über den Rücken gelegt und
endet in einen blattförmig stilisirten Bü-
schel; dann kommen zweimal zwei, von
denen der eine dem andern die Vorder-
tatzen über den Rücken schlägt, während
beide einander den offenen Rachen zu-
strecken. Die vierte Ecke endlich bezeichnet
ein Franenbild, das in greulicher Ver-
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