Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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zu Theil wird, desto berechtigter ist er wohl
auch, im Interesse des Buches und seines
Verfassers nicht znrückznhalten mit dein, was
ihm mißfallen hat, in der Hoffnung, daß
weitere Studien den Verfasser veranlassen
könnten, bei einer etwaigen ucum Auflage
das, was katholische Leser verletzt,
der historischen Wahrheit gemäß richtig zu
stellen?)

Der Verfasser hat sich mit Liebe uiib Ver--
ständnis in die Geschichte der kirchlichen
Baukunst des Mittelalters vertieft; und was
hätte er auch Jahrhunderte lang von deut-
scher Baukunst 31t erzählen ohne die Bau-
thätigkeit der Kirche? Dagegen trübt seinen
Blick eine dogmatische V 0 rein g en 0 m-
menheit, sobald sich seine Erzählung in
jener Periode bewegt, welche den Einfluß
der Reformation auf die Baukunst in unserem
Vaterland zu schildern hat. Es ist ebenso
sehr jit verwundern, als zu bedauern, daß
sich Dohme hier so wenig von gewissen Vor-
urteilen und Schlagwörteru frei ;u machen
wußte, welche der protestantischen Jugend
zur Zeit des Koufirmandenunterrichts als
das wahre Evangelium über katholische Dinge
beigebracht zu werden scheinen.

Wir rechnen dahin in erster Linie die
Märchen v0m Ablaßprediger Betzel,
dem „Cynismus" (S. 181) vorgeworfen und
Schuld gegeben wird, daß er 311 „drastischen
Mitteln gegriffen" habe, „welche den Aus-
bruch der Kirchenspaltung herausführten".
Das sind ziemlich oberflächliche, jedenfalls
überflüssige Bemerkungen in der Geschichte
der deutschen Baukunst. Ten wahren Tetzel
kennen zu lernen muß bei den: jetzigen Stand
der Literatur über ihn für einen redlichen
Forscher leicht sein.

In Folge anerzogener Vorurteile geschieht
es ferner, daß Dohme gewisse bauliche An-
lagen (die Hallenkirchen der Gothik, die
Kirchenbauten der Franziskaner und Domini-
kaner, die einheitlichen, mächtigen Binnen-
räume des Renaissancestils z. B. S. 198,
366, 392) auf veränderte Anschauungen über
den Wert und die Bedeutung der Pre-
digt in der katholischen Kirche zu-
rückführt. Es ist mehr geistreich als wahr,
davou zu reden, daß die in Italien aufge-
kommene Bildung von einheitlichen weiten

I Die oben hervorgehobenen Punkte und Diffe-
renzen glaubte Referent und Redaktion in der
Recension des genannten Buches aus dein Grund
übergehen zu können, weil der Verfasser des
Buches sichtlich nirgends mit Willen katho-
lische Leser verletzt, vielmehr in einem bei pro-
testantischen Autoren unserer Tage leider immer
seltener werdenden Maße von jedem animus
injuriändi in seinem Buch sich frei zeigt. A. d. R.

Biitnerlräunten statt der mehrschiffigen An-
lagen mit scharfen Gliederungen am Lang-
haus, Querarm und Chor „eine universelle
Bedeutung gewann, seit das Triden-
tin er Konzil der Predigt größeren Raum
im Gottesdienst einräumte, als sie ihn bis-
her gehabt, uitd der letztere selbst in größerer
Festespracht auftrat" (S. 366), oder ztt
versichern, die Verbindung von Langhaus
uitd Kuppelbau in St. Peter zu Ronr u. a.
a. O. fei „der adäquate Ausdruck für den
Ritus der katholischen Kirche, wie er sich
seit dem Trideutiner Konzil ausgebildet
hatte" (S. 392). Weder auf dem Gebiete
der Predigt noch auf dem des Kultus kommt
dem Konzil von Trient die vom Verfasser
zugeschriebene Bedeutung zu; in beiden Rich-
tungen hat dasselbe weit mehr die alten Be-
stimmungen und Vorschriften neu eingeschärft,
als neue gegeben. Die sonntägliche Predigt
ist eine apostolische Sitte, die in der katho-
lischen Kirche stets treu eingehalten wurde
und in den deutschen Pfarrkirchen auch in
den Tagen des finstersten Mittelalters nicht
aufgegeben war, wie die Geschichte der deut-
schen Plenarien und der Predigt sattsam er-
weist. Der Prediger und seine Zuhörer
bedürfen am wenigsten dieser „größeren
Räume", wie sie nach dem Tridentinum im
Interesse der Predigt entstanden sein sollen;
für sie waren schon manche Kirchen der frü-
heren Jahrhunderte viel zu groß, so daß das
Publikum eng um die Kanzeln zu schaaren sich
genöthigt war, falls cs die Predigt verstehen
wollte! Auch der Kult unserer Kirche
hatte durch das Tridentinum keine
wesentlichen Veränderungen erfahren, aus
welchen das Aufkommen und die Verbreitung
des Barocks zil erklären wäre. Die Ver-
bindung rou Langhaus und Kuppelbau in
der Aera dieses Stils hat seine historischen
Parallelen in der Verbindung der Thurm-
anlagen zur Zeit der romanischen Bauten mit
dem Thurm, bezw. der Kuppel über der
Vierung, und gewiß darf man zweifeln, ob
die „Festespracht größer" oder wesenlich an-
ders gewesen sei in den Zeiten, wo das
deutsche Kaiserthum von seiner Höhe längst
herabgestiegen war, als in denen, wo die
deutsche Nation in der Kraft ungeteilter
Glaubenseinheit ihre großen Kirchenfeste in
den Domen von Aachen, Bamberg, Marburg
und Rom selber feierte!?

Zu demselbeu Kapitel der Geschichtsbau-
meisterei müssen wir es rechnen, wenn von
den Kirchenbauten in Sachsen zur Zeit des
15. Jahrhunderts gesagt wird: „Die Ge-
bäude durchweht ein neuer, man ist versucht
zu sagen , resormatorisch er Zug: die
Kirche ist nicht mehr das Hans der Geist-
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