Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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die Gestaltung derselben fcutit schon um
seines gar zu „einfachen Charakters" willen
nicht die Rede sein. Wo eine Kirche fast
nur dazu das ganze Jahr über dient, daß
die Gemeinde einmal in der Woche dort
zusammenkommt, um einige Lieder zu singen
und eine Predigt zu hören, dort wird sich
naturgemäß der Kirchenbailkunst jener „nüch-
teru utilitaristische" Geist bemächtigen, über
den geklagt wird. Nur nlache man dafür nicht
„die schlechte Finanzlage der Kirchen beider
Bekenntnisse" verantwortlich. Der Verfasser
kennt ja sehr wohl den unerschöpflichen
g o l d e n e u Grund und Boden, auf wel-
chem die unzähligen großen und kleinen
katholischen Kirchen aller Jahrhunderte ge-
baut worden sind! Er redet von dein
„Glaub eil s eis er, welcher der G eistli ch-
k e i t reiche Mittel z u r V e r f ü g u u g
gestellt" (S. 181). Zwar meint er, der-
selbe habe um die Wende des 16. Jahr-
hunderts die Ausfälle nicht mehr git decken
vermocht, eine Ansicht, die er weseiitlich wird
modisiziren müssen, wenn er z. B. die lauge
Reihe von Kirchenbauteu, die um jene Zeit
von einer angeblich theilnahmsloseu Menge
durch milde Spenden sind ermöglicht worden,
nur etwa im ersten Band voll Janssens
deutscher Geschichte flüchtig überschaut!

Allein wahr ist und Dohme erkennt es
richtig (cfr. S. 375): Der Glaubenseifer,
und fügen wir hinzu, der hieraus erwachsende
religiöse Opfersinn der Christen ist es alle-
zeit gewesen, der unsere Kirchen baute.
Dohme hat nun eben dort, wo er die Gründe
für das Zurücktreten der evangelischen Kir-
chenbauteu hinter die katholischen angibt,
sich auch darüber verbreitet, warum sofort
nach den Greueln des 30jährigen Krieges
eine so großartige kirchliche Bauthätig-
keit in katholischen L aud en sich regte.
Dohme faßt das Resultat der Reformations-
kämpfe für die Baugeschichte in die Worte
zusammen: „Der Kampf um kirchliche Macht-
fragen hatte auch religiöse und kirchliche An-
schauungen wieder in den Vordergrund des
Empfindens gerückt. Aber die Religiosität
selbst war eine andere geworden; das Ver-
hältniß des Individuums zur Gottheit hatte
sich vertieft; die Intimität des seelischen Em-
pfindens war gewachsen. Das gesteigerte reli-
giöse Empfinden der Zeit nun steigert auch die
Lust am baulichen Schaffen auf kirchlichem
Gebiete. Allerorten erwachsen im 17. und
18. Jahrhundert neue Gotteshäuser, lichte
geräumige Anlagen, die in rauschender Pracht
die Majestät des Göttlichen sinnfällig zu
machen lieben. Die Kirche ist jetzt der
glänzende Festsaal geworden, in dem die
Menschheit ihre höchsten Feste, die Ver-

mählung der Seele mit Gott, feiert"
(S. 372).

Zunächst nun haben wir es nicht gerne,
die kirchliche Baugeschichte mit ,Macht-
frag en" zu verquicken. Man redet ja so
gerne von der „Macht" der katholischen Kirche.
Dohme schreibt, wie schon bemerkt, S. 375:
,,Die katholische Kirche ist auch diejenige
Macht, deren Mittel nach dem Kriege
zuerst wieder für größere bauliche Unter-
nehmungen erstarkte." Man hat sich so viel-
fach ein leeres Phantom von äußerer, von
hierarchischer Machtfülle unserer Kirche zu-
recht gemacht und denkt nicht an die ideelle
Macht, die Glaubenskrast, ohne welche
eine Kirche über die Gläubigen und ihre
Güter völlig machtlos ist und nur durch
die Staats- und Fürstengewalt aufrecht er-
halten wird! Sodann trifft es auf die ka-
tholische Kirche durchaus nicht zu, daß in
der Zeit von 1517bis 1648 „die Religio-
sität eine' andere geworden sei, das
Verhältnis des Individuums zur Gottheit
sich vertieft habe und die Intimität des
seelischen Empfindens gewachsen sei" im
Vergleich mit den vorangegangeuen Zeiten.
Hätte Dohme sich in der Geschichte der
mystischen Theologie ebenso, wie in der gothi-
schen Baukunst umgesehen, so würde er fin-
den , daß die Gemüther in der genannten
Periode im Vergleich mit der früheren viel
mehr verroht als vertieft wurden, und daß
an Zartheit des Empfindens, au Intimität
des Individuums zur Gottheit kaum etwas
ans allen Zeiten hinanreicht au die Schriften
eines Heinrich Seuse und anderer Mystiker!
„Die Lust am baulichen Schaffen"
war dort/ wo die Reformation eingeführt
wurde, so sehr den Christen vergangen, daß
schon Luther und nach ihm die Kircheu-
Visttatoren über den allgemeinen Zerfall der
Kirchen und den Mangel an Opfersinn
laute Klagen erhoben, und wenn, wie Dohme
gelegentlich bemerkt (S. 358) „in der Rich-
tung aus den Kirchenbau der protestantische,
vorwiegend auf die Predigt gerichtete Got-
tesdienst keine neuen Anforderungen stellte",
so waren es nicht nur die Bürger Bre-
mens allein, die „in stolzem Kraftgefühl"
sich den Profan- statt Kirchenbauten zu-
wandteu und dem Naturalismus i n
Kunst und Leben zum allgemeinen Sieg
verhalfen. Gotteshäuser von geräu-
mige n Aula g e u, die in rauschender Pracht
die Majestät des Göttlichen sinnfällig machen,
hat sicher auch das Mittelalter geliebt, und
in allen Zeiten ist dem katholischen Christen
am Altäre auch das kleinste Kirchlein zum
glänzenden Festsaal geworden, wo er im
Sakrament die Vermählung seiner Seele mit
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