Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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Jesus Christus, dem Sohne Gottes, feiert.
Wenn die mittelalterlichen Kirchen — wir
denken weniger an die Gothik — minder
lichtvoll waren, als die der Renaissance, so
suchen wir die Ursache nicht in religiösen
Ideen, wie wir uns auch aus diesen letzteren
die Aufnahme der Renaissance überhaupt
nicht erklären. Sicherlich hat dieselbe mit
veränderten oder gar vertieften religiösen
Anschauungen in Folge der Reformation
nichts zu thun. Dafür bürgt schon die
Heimat derselben — das „lichte" Italien,
wo sie geboren wurde. Für uns ist die
von Dohme wiederholt betonte Thatsache,
daß die Gothik sich ausgelebt, in ihrer Ziel-
strebigkeit zu Ende entwickelt hatte, hinrei-
chend, uni uns das Aufkommen und die
Herrschaft eines neuen Stiles im Zusammen-
hang mit feinen großartigen Vorzügen,
gerade für kirchliche Zwecke und den katho-
lischen Ritus sowie im Zusammenhang mit
den: Humanismus zu erklären.

Dabei nimmt uns nur das Wunder, daß'
sich Dohme der Folgerungen nicht bewußt
wird, die sich aus seinen Auseinandersetzungen
über die kirchliche Banthätigkeit in katholischen
Ländern für die Erklärung der Thatsache erge-
ben, weshalb in drei Jahrhunderten die Bauge-
schichteder evangelischen Kirche so viel ärmlicher
in der Zahl und in der Art ihrer Werke ist, als
jene der katholischen Kirche? Denn wenn
in der That die Kämpfe der Reformation
eine Vertiefung und Erstarkung der religiö-
sen Ideen und in Folge dessen eine gesteigerte
Lust am baulichen Schaffen erzeugten, so
sollte davon doch vor allem die protestantische
Kirche Nutzen gezogen haben und demnach
das Verhältniß beider Kirchen auf diesem
Gebiet das umgekehrte sein, als es ist!
Man wird daher sagen müssen, daß die
Hauptursache, weshalb die Baugeschichte
der evangelischen Kirchen hinter jener der
katholischen zurücksteht, in der geringeren
gestaltenden Kraft des religiösen Em-
pfindens selbst liege und der Glaub ens-
eifer hier größer sei, freudiger, anhaltender,
aufopfernder, mächtiger sich erweise, als dort.

Ja mehr noch! In den preußischen Jahr-
büchern schreibt Th. Schiemann Juni 1887
S. 582: „Das kirchliche Leben mit seinen
Licht- und Schattenseiten hat stets im Mit-
telpunkte der geistigen Interessen des Lan-
des gestanden. DerReichthnm und die
Blüte der Kirchen ist uns ein Maß-
stab zugleich für Wohlfahrt und Kunst-
sinn der Generation, auf welche sie zurück-
gehen, ganz wie anderseits der Verfall
der Kirchen das sichere Symptom des Nie-
derganges des gesammten kommunalen und
politischen Lebens ist." Einen fortlaufenden

Kommentar dazu liefert die Geschichte der
deutschen Baukunst, die, selbst wenn sie mit
der dogmatischen Voreingenommenheit eines
sonst billigen Protestanten geschrieben wird,
ein neuer Beleg für die Wahrheit ist, die
Alexis von Tocqueville mit den Worten aus-
gesprochen hat:

„D i e Restauration der Geschichts-
Wissenschaft ist die Restauration
'der katholischen Groß e."

Rottenburg.

Domkapitular Z i m m er l e.

Literatur.

Der Tempel von Jerusalem und
seine Maße von?. Odilo Wolfs
0. 5. B., Mitglied der Beuroner
Benediktiner-Kongregation. Graz,
Verlagsbuchhandlung. Styria 1887.
104 S. 40. und zehn Tafeln.

Diese Schrift, deren Gegenstand znm voraus
das höchste Interesse erweckt, bietet noch mehr
als ihr Titel ankündigt. Fürs erste führt sie
nns ein in die nenesten Resultate der Forschungen
über die bisher so viel umstrittene Topographie
Jerusalems und orientiert über die Höhenver-
hältnisse der einzelnen Hügel sehr gut durch einen
Plan mit eingezeichneten Knrvenlinien. Die An-
nahme einer rechteckigen Tempelfläche auch beim
Riesenwerk des Herodes, die bisher von Phan-
tasie und Denkkraft so große Opfer verlangte,
ist definitiv in Abgang gelhan, wie es auch bei
Rieß Atlas, 2. Auflage zu gleicher Zeit ge-
schehen ist.

Den Höhepunkt der Leistung nach der histori-
schen Seite finden wir im genauen Zusammen-
treffen der alten Verhältnisse und Linien mit dem
heute noch vorhandenen oder heute stehenden
Mauerwerk wie es Tafel VI so überraschend und
überzeugend vorführt.

Doch, das ist dem Verfasser mehr nur Bei-
werk. Als Kernpunkt seiner Arbeit giebt er
selbst an: die Auffindung und Demonstrirung
der architektonischen Grundformel zum ganzen
anscheinend so verwickelten Bauwesen. Es ist
das Hexagramm, das „Salomonische Sechseck"
(Kreis und einbeschriebenes oder umbeschriebenes
gleichseitiges Doppeldreieck oder Sechsstern), wel-
ches alles beherrscht bis auf den letzten Stein
nach Höhe oder Tiefe. Schon längst hat diese
Figur die Aufmerksamkeit der Aesthetiker, Histo-
riker und Theologen auf sich gelenkt. Hier wird
sie auf einmal zum schöpferischen Wort, das
dem hehren Bauwerk der alten Zeit Geist und
Dasein gibt.

Wer bisher mit dem Tempel und den Dimen-
sionen seiner Räumlichkeiten sich beschäftigte,
scheiterte zuletzt immer an der Frage: „Wie stark
muß oder darf ich das einzelne Mauerwerk an-
setzen?" Hier ist gar alles in Rechnung genom-
men, und eben diese unerbittliche Strenge, die
der Verfasser gegen sich selbst walten ließ, führte
ihn den Weg zur Entdeckung des Geheimnisses.
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