Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

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alle Th eile in unmittelbarem Zusammen-
hang mit einander stehen, daß jeder spätere,
jeder höher emporsteigende Theil in dem
früheren, tiefer gelegenen seine Vorberei-
tung findet und daß solchergestalt das
Ganze von einer stetig fortschreitenden
Entwicklung durchdrungen ist. In Frei-
burg aber hat der Untertheil nichts, was
als eine Vorbereitung auf die Hanptform
des Obertheils hindeuten könnte, nichts,
was die Erscheinung des letzteren noth-
wendig bedingte." — Aber wie kann dieser
Thurm bei solcher Ungleichartigkeit dennoch
in der Seele eines Jeden, der ihn nur
einmal gesehen, ein so abgerundetes, nach
jeder Seite hin vollendetes Bild hinter-
lassen, daß selbst ungünstige Bemerkungen
der Kritiker daran nichts zu ändern ver-
mögen? Und wie kommt es, daß diese
selbst bisweilen ans der Rolle fallen und
sich ungetheilter Bewunderung hingeben?
Schreibt nickt unser Möller: „Die Kom-
position des Thurmes mit der geräumigen,
im Innern reich verzierten Vorhalle (also
doch auch des Untertheils!) scheint das
Gelungenste und Vollkommenste, was in
dieser Art vorhanden" ? Und unser Autor
bei Corblet (a. a. O.), welcher beklagt,
daß der „Untertheil des Freiburger Thur-
mes in seiner Schlichtheit und Trockenheit
unangenehm abstoße von dem reichen und
belebten Obertheil" — ein Urtheil von
dem wir nicht zu bemerken brauchen, daß
wir es nicht unterschreiben — sagt er
nicht in liebenswürdigem Selbstwiderspruch
von demselben Thurm und zwar als
Ganzem: „Alle Einzelheiten vom Fuß bis
zur Spitze verketten sich enge unter ein-
ander und vereinigen sich zu einer Ge-
sammtwirknng?" Wenn es kein ganz
einheitlicher Kunstbau, woher dann die ein-
heitliche Gesammtwirkung?

Diese kommt vor allem von den äußerst
glücklichen Massenverhältnissen. So ge-
lungen sind die Proportionen des in immer
gestreckteren Absätzen anfsteigenden Riesen-
thurmes, so bestimmt charakterisirt die
Theile, daß sie vollkommen für einander
geschaffen scheinen und auch da, wo
die Umgangsgallerie sich einschiebt, zu
einem unzertrennlichen Ganzen für das
Auge des Beschauers zusammenwachsen.
Wir betonen: für das Auge! Der un-
bekannte Meister „verräth in seinem Werk

die tiefgehendste Kenntnis; der Wirkungen
der Perspektive". Dies ist ein Urtheil
von Corblet, das wir unterschreiben. Bei
seinem wunderbaren Augenmaß wußte der-
selbe genau, um wie viel er die oberen
Partien strecken mußte, damit sie nach
unten die gewünschte Wirkung erzielten.
Daher kommt es, daß seine Pyramide
und sein Oktogon, wenn man sie mißt,
unverhältnißmäßig hoch, aber wenn man
sie in Wirklichkeit sieht, gerade recht
sind. „Die scheinbare Größe aller Gegen-
stände (sagt Möller sehr beherzigenswertst
in seinen „Denkmälern der deutschen Bau-
kunst") bemißt sich nach den Winkeln,
unter denen sie gesehen werden. Wie
selten wird heute bei Aufführung großer
Gebäude auf den Standpunkt und die
Gesetze der Optik Rücksicht genommen!
Um ganz sicher zu bestimmen, welche Wir-
kung ein Gebäude auf einem gegebenen
Platze machen wird, muß man nach dem
Eindruck, den der Beschauer davon nach
dem Gesichtswinkel bekommt, die wirklichen
Dimensionen bestimmen, welche die oberen
Theile des Gebäudes erhalten müssen."
Das geschah neulich in Ulm, wo man
den: Achteck 3 Meter weniger, dein Helm
dagegen 5 Meter mehr Höhe gab, als
ans dem Böblinger'schen Plan angegeben
ist. Dagegen wurden Augenmaß und
Größenverhältnisse nie ärger bei Seite ge-
setzt als in Straßburg. Um mit der
Höhe der Vorderseite und des Thurm-
Achteckes im Einklang zu stehen, müßte
die dortige Pyramide reichlich 30 Meter
in der Höhe messen; nun mißt sie aber
keine 20. Darum erscheint sie, obwohl
an sich nicht ohne künstlerische, namentlich
technische Bedeutung, auf ihrer schwindeln-
den Höhe „als eine nebensächliche Beigabe,
die den Gesammteindrnck eher herabstimmt
als erhöht: man möchte sagen ein Lösch-
horn, das ohne besondere Störung für
die Gesammtverhältnisse hinausgesetzt oder
herabgenommen werden kann nach Be-
lieben". (Corblet s. o.) Dagegen ist die
herrliche Freiburger Thurmpyramide, auf
welche ein volles Drittel der Gesammt-
höhe kommt, eben dadurch ein unüber-
troffenes Meisterstück von Leichtigkeit und
Zierlichkeit. Man braucht in ihren oder
ihres Oktogons Verhältnissen nur das Ge-
ringste geändert sich zu denken, um allen
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