Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 17
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Zauber sofort verschwinden zu sehen. Der
Klage Möllers, daß hentzutage bei Bauten
die Gesetze der Optik zu wenig berück-
sichtigt werden, können wir noch beifügen,
daß überhaupt der Sinn für schöne Pro-
portionen dem heutigen Geschlecht in be-
denklicher Weise abhanden gekommen zu
sein scheint. Konnten wir doch vor ein
paar Jahrzehnten sehen, wie ein Künstler
einen mittelalterlichen Thurm von un-
tadeligen Verhältnissen und Formen nicht
ohne Geschick nachbildete, jedoch mit der
kleinen Abänderung, daß er seiner Nach-
bildung ein Drittel weniger Höhe und ein
Drittel mehr Durchmesser gab, als sein
Original sie hatte. Es war kein Thurm
aus Stein, es war eine niedliche Thurm-
monstranz aus unserer Nähe. Daß er durch
solche kleine Abänderung die ganze Wir-
kung todtschlug, ahnte der gute Mann nicht!

Der Triumph der Perspektive aber (wir
kommen wieder auf Freiburg) liegt in einer
gewissen Eigenschaft, welche diese Pyra-
mide mit keiner andern in der Welt theilt
und welche nur noch allenfalls in der
Schwellung antiker Säulenschäfte ihr
Seitenstück findet. Ihre schlanken krab-
benbesetzten Rippen steigen nämlich nicht
geradlinig auf, sondern zeigen eine sanft
nach außen gekrümmte Linie. Daß der
unbekannte Meister hiebei klassischen Er-
innerungen gefolgt, glauben wir nicht:
diese waren damals so gut wie ausgestor-
ben. Wenn ihm etwas vorschwebte, waren
es vielmehr die gebogenen Rippen gothischer
Gewölbe. Jedenfalls ist diese Ausbauchung
eine ursprünglich beabsichtigte und berech-
nete. Sie sich als bloßen Zufall zu
denken, etwa als Wirkung eines nach dem
Trägheitsgesetz vor sich gegangenen Druckes
und Schubes der Massen, wie man einen
solchen (wohl irrigerweise) bei dem schiefen
Thurm in Pisa annimmt, geht nicht au.
Ein solcher Druck und Schub, gesetzt auch,
er hätte von selbst sich in solcher Regel-
mäßigkeit äußern können, hätte doch Locke-
rungen des Gefüges und Verschiebung,
wenn nicht Zerreißung des zarten Maß-
werks herbeiführen müssen, wovon nie und
nirgends etwas zu bemerken war. Da
nun die mittelalterlichen Meister sich aus
das Strengste an konstruktive Gesetze ban-
den, wird wohl anzunehmen sein, daß durch
solche Abweichung von der starren Gerade

dem Thnrmhelm mehr Halt und Wider-
standskraft gegeben werden wollte, etwa
wie man eine Ueberbrückung, um sie wider-
standsfähiger zu machen lieber im Stich-
bogen als in einer geraden Linie herstellt.
Unser großer Unbekannter löste aber diese
schwierige Aufgabe in so vorzüglich per-
spektivischer Weise, als ob optische
Rücksichten allein für ihn maßgebend ge-
wesen wären. Wenn heute seine unüber-
treffliche Thurmpyramide einem gewissen
Kritiker (wie uns scheint, ohne Grund)
fast zu steil und zu mager Vorkommen will,
wenn man sie von den benachbarten Ber-
gen ans betrachte, so ist sicher: eben das
hat jener durch die sanfte Schwellung, die
er ihr gab, vermieden! — Was kann nun,
da solch außerordentlich seine Proportionen
das Ganze von unten bis oben durch-
dringen und vom Kleinsten bis zum
Größten verketten und umschlingen, was
kann da die Ungleichartigkeit der beiden
Hälften und der nicht ganz bindende Ueber-
gang zwischen beiden schaden? (Frts. folgt.)

Das Bildwerk des Taufsteins in
^reudenstadt.

Bon Stadtpfarrer Eugen Keppler.

(Fortsetzung.)

Der Teufel verbannt aus den Herzen
der Menschen durch Christi Gnade: das
die erste Bedeutung des Hirschbildes auf
unserem Taufstein. Der Teufel überwun-
den in der Welt durch die Predigt der
Apostel und durch die von ihnen in Christi
Vollmacht gespendete Taufe: das die zweite
Bedeutung. „Mit Recht (sagt St. Isidor
in Oenes. 49, 11) heißen auch die Apostel
Hirsche, denn, wie diese überspringen sie
in leichten Sätzen alle Schranken dieser
Zeit; indem sie sich selbst nähren von der
Betrachtung der erhabensten Gegenstände,
verkündigen sie Worte voll Gnade allen
Völkern." Auch in dieser Verbindung mag
es erlaubt sein, an die schon besprochene
mystische Pflanze zu denken und in ihr
auch die Anspielung auf die Wirksamkeit
der Apostel zu erblicken, welche die Gläu-
bigen auf die Weide des Heils führen.
Die volle Tragweite aber jenes kunstlosen
Bildes wird uns durch die dritte Bedeutung
des Hirsches klar: insofern er im über-
tragenen Sinn die Gerechtfertigten und
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